23 | 09 | 2019

Kinder und Eltern

Hier finden Sie eine alphabetische Übersicht über alle in diesem Bereich enthaltenen Artikel.

Ein Appell an Eltern

 

T. (13 Jahre) und ich fuhren viel Auto zusammen, wir beiden allein im Auto unterwegs zu den unzähligen Terminen, die sich wie Perlen an einer Kette aneinanderreihten. Ich fand diese Autofahrten immer sehr schön, weil T. dann – anders als im Alltag – nach ein paar gefahrenen Kilometern anfing, von sich, seinen Gefühlen und von seinen Erlebnissen zu erzählen.

 

"Du müßtest den Richtern und Ärzten mehr erzählen, damit sie verstehen, dass du es ernst meinst, dass es für dich keinen anderen Weg gibt, auch wenn Du erst 13 Jahre alt bist." sagte ich.

 

"Mama, das kann man nicht beschreiben. Es ist ein Gefühl. Es ist so, als ob du noch nicht in deinem Leben angekommen bist. Als ob du lebst, was unternimmst, deinen Alltag und deine Pflichten machst, aber trotzdem noch nicht geboren bist. Ich bin in meinem Leben noch nicht angekommen."

 

Geboren und doch noch nicht geboren, so muß sich das anfühlen. Wie in einer

 

"Trance-Fruchtblase" durch das Leben gehen, mitmachen, was verlangt wird, aber kein wahres Hier und Jetzt spüren.

 

Es ist nicht einfach so, wie es wahrscheinlich fast jeder Mensch kennt: man ist unzufrieden mit etwas an sich selbst, körperlich oder seelisch, zu dick, zu dünn, zu wenig Erfolg, zu viel Stress. Das ist nur ein TEIL von einem selbst.

 

Ein transidentes Kind muß sich, nach Aussage von T., KOMPLETT FALSCH fühlen. Das sollte jeder Leser an dieser Stelle für sich mal nachempfinden......

 

Hören sie für ein paar Minuten auf zu lesen und versuchen SIE sich mal für diese Minuten KOMPLETT FALSCH zu fühlen. Können Sie das? Was ist das für ein Gefühl? Versetzen Sie sich wirklich hinein.....FÜHLEN SIE ES, SIE SIND JETZT FÜR NUR FÜNF MINUTEN KOMPLETT FALSCH!

 

Ein transidentes Kind fühlt sich jahrelang so, nicht nur fünf Minuten. Ist es in diesen Fällen nicht "normal", dass sich diese Kinder, wenn sie sich von ihren Eltern, ihrem Umfeld und von den Institutionen, die ihnen eigentlich helfen sollten ihre Identität in ihr Leben zu bringen, so unverstanden fühlen, dass sie zu kompensieren versuchen, sich mit unerwünschtem Verhalten abzulenken, selbst zu verletzten, zu rebellieren, Suizidgedanken haben, in falsche Gruppen abzudriften. Einfach nur aus dem Grund, weil sie Hilfe suchen? Weil sie sich irgendwo verstanden fühlen wollen?

 

ELTERN, IHR seit die nächsten....nehmt Euer Kind ernst. Egal wie alt es ist. Beobachtet genau, lest gute Lektüre! Hört Eurem Kind zu! Fühlt es! Handelt! Denn nur IHR seit befugt zu handeln, wenn Euer Kind noch minderjährig ist....!

 

Auch ihr wolltet früher, dass Eure Eltern Euch verstehen und Euch beistehen, oder?

 

Und? Habt ihr Euch verstanden gefühlt? Habt ihr Euch immer begleitet gefühlt? Haben Eure Eltern es immer fantastisch gefunden, was ihr vor hattet? Hatten sie immer Verständnis für Eure Bedürfnisse und Eure Gefühle?

 

Ich bezweifele jedes gedachte hundertprozentige Ja.

 

Eure transidenten Kinder sind etwas GANZ BESONDERES. Unterschätzt Eure Aufgabe nicht. Handelt, das ist mein Rat, und unterlasst jede Verzögerung. Handelt, um die Systeme zu verändern, die Eure Kindern so lange in Gefangenschaft leben lassen. Handelt aus Liebe zu Euren Kindern und vielleicht auch aus Liebe zu Euch selbst. Denn nur wer Liebe gibt, kann dieselbe auch empfangen. Ihr werdet es spüren.

 

Wenn nicht sogleich, aber irgendwann.....

 

Verfasst von R.L., Mutter eines Trans-Kindes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erziehung und Transsexualität


Ein Interview mit Helma Katrin Alter

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Lässt sich Transsexualität in wenigen Worten erklären?

Antwort: Als erstes muss festgestellt werden, dass der Begriff mit Sexualität eigentlich nichts zu tun hat. Es geht um ein Identitätsproblem der betroffenen Menschen, d.h. die körperliche Gestalt und die seelische Identität sind nicht dem gleichen Geschlecht zuzuordnen. Es geht also um Transgender oder Transidentität.

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Wann erkennen die Betroffenen ihre Andersartigkeit?

A: Die betroffenen Menschen bekommen ihre Andersartigkeit meist schon in sehr frühen Jahren mit, in der Kindheit, meist schon im Vorschulalter. Je stärker die Erziehung rollentypisches Verhalten erzwingt, um so eher wird dem Kind dann bewusst, dass etwas nicht stimmt. Als Transsexualität kann es von ihm noch nicht begriffen werden.

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Was muss ich mir unter „es stimmt etwas nicht“ vorstellen?

A: Beobachtet man Kinder, die sich normal entwickeln, werden sie, in den verschiedenen Lebensphasen wechselnd, sich dem eigenen oder dem Gegengeschlecht zuwenden. Kinder, bei denen sich später eine „Transidentität“ herausstellt, verhalten sich in den entsprechenden Entwicklungsphasen meist genau gegensätzlich in ihren Kontaktwünschen zum anderen Geschlecht.

Solche Kinder haben fast immer einen sehr großen Hang zu Spielen und Spielzeug des dem biologischen Geschlecht nicht entsprechenden Kindes. Häufig kann übergroße Sensibilität beobachtet werden und es kommt zu „Tagträumen“,  den Versuchen sich Kleidung des Gegengeschlechtes, das ja dem eigenen seelischen Geschlecht entspricht, zu besorgen und zu Isolierung gegenüber Gruppen. In den meisten Fällen werden diese Kinder weder von den Jungen noch von den Mädchen der gleichen Altersgruppe akzeptiert.

Dies könnten Erwachsene beobachten und frühzeitig mit aufgeklärten Fachleuten besprechen, um dem Kind Leid zu ersparen, denn das Kind selbst merkt ja nur, dass eben etwas nicht stimmt.

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Was Sie hier aufgezählt haben, trifft doch für viele Kinder zu!

A: Das ist richtig, deshalb ist es ja auch so wichtig, wenn viele oder alle aufgezählten Beobachtungen zutreffen, dass schon möglichst früh Fachleute zu Rate gezogen werden, um hier zu keinen falschen Schlüssen zu kommen oder dem Kind seelische Gewalt anzutun. In Deutschland gibt es, im Gegensatz zu den Niederlanden, dafür leider noch keine entsprechenden Einrichtungen. Damit bleibt es weitgehend dem Zufall überlassen, ob Eltern und Kindern schon in diesem Stadium der Entwicklung der eigenen Identität geholfen werden kann.

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Im Rahmen der Gesundheitsvorsorge werden doch aber die Kinder regelmäßig Ärzten vorgestellt, so dass sich die Möglichkeit klärender Gespräche und die richtige Bewertung von Beobachtungen erbeben müsste?

A: In der Theorie könnte das so stimmen. Praktisch fehlt aber heute der Kontakt zwischen Ärzten und Eltern. In der Gesundheitsvorsorge bleibt keine Zeit mehr für das wirkliche Gespräch und Kennenlernen der „Patienten“. Die meisten Kinderärzte haben keine Zeit dafür, nicht nur mit den Augen des Mediziners zu sehen, sondern auch mit ihrem "seelischen oder menschlichen Auge"! Außerdem kommt hinzu, dass ein Kind bei der Geburt entsprechend dem optischen Eindruck auf Junge oder Mädchen festgelegt wird. Identitätsabweichungen, die von Medizinern und Juristen als Transsexualität bezeichnet werden, widersprechen aber unserem Hang, der besonders auch für die Medizin gilt, alles zu normieren, zu erklären und zu ordnen. Das Vorliegen einer Transidentität lässt sich weder prognostizieren noch eindeutig nachweisen. Der einzige Beweis ist das Empfinden der betroffenen Menschen. Damit passen sie nicht in das Bild unserer alles erklärenden Wissenschaft.

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Transsexualität ist also ein rein psychisches Problem, das noch nicht ausreichend erforscht ist?

A: Bei dieser Frage weiß ich nie, ob ich lachen oder weinen soll. Ich muss an den Ausspruch denken: „Wir haben den ganzen Menschen seziert, seine Seele aber haben wir nicht gefunden!“ Daraus möchten manche Wissenschaftler den Schluss ziehen, es gäbe die Seele nicht. So bleibt der Wissenschaft nur die Möglichkeit, die Existenz der Seele zu verschweigen. Wenn wir den Menschen nur aus Physis und Psyche zusammensetzen wollen, dann kommt als Ergebnis kein „ganzer“ Mensch heraus. Dies ist jedem Arzt und Wissenschaftler klar, aber kaum einer wagt es auch, dies so auszusprechen. Auch in unserer kulturellen Entwicklung gab es Zeiten, in denen die Menschen mit all ihrer Klugheit und ihrem Forscherd rang mit Ehrfurcht den Wundern der Schöpfung begegnet sind, gleichgültig, was sie sich unter Schöpfung vorgestellt haben!

Um die Frage aber nun ganz konkret zu beantworten: Transsexualität ist ein menschliches Problem, weil wir es zum Problem machen. Ob die Ursachen "nur" im seelischen oder auch in körperlichen Bereich liegen, ist allerdings tatsächlich noch nicht erforscht. Aber selbst wenn die Antwort "psychisch" sein sollte, dann sollte man das Problem nicht als "Spinnerei" abtun, was nur allzu oft ein Synonym für "psychisch" ist.

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Ich möchte das Wort „Problem“ nochmals aufgreifen und frage mich, warum es erst in den letzten Jahrzehnten so deutlich und immer häufiger auftritt?

A: Sie vermischen zwei Dinge, die ich getrennt beantworten muss. Dass das Phänomen der Transsexualität seit den 70er Jahren immer deutlicher als Problem auftritt, ist vordergründig gesehen richtig. Soziologische und medizinische Entwicklungen sind der eine Grund dafür, ohne zu werten ob sie in jedem Fall ein Fortschritt sind.

Als zweiten Grund kann ich eindeutig die Entwicklung in unseren Medien betrachten. Mehr Information lässt ein Problem immer größer erscheinen als es im Einzelfall ist. Unabhängig davon soll auch Menschen mit einer abweichenden Geschlechtsidentität geholfen werden. Häufig entstehen durch diese Möglichkeiten der Hilfe aber auch neue Zwänge.

Die zweite Feststellung, nämlich dass Transsexualität seit den 7oer Jahren häufiger auftritt als in früheren Jahren oder Epochen, muss ich bestreiten. Die Geschichtsforschung, die sich sowohl mit der Literatur als auch der soziologischen und ethischen Entwicklung in früheren Epochen und Kulturen beschäftigt, stößt immer wieder und zu allen Zeiten auf das Phänomen der Transidentität.

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Dann müsste es doch auch heute andere Möglichkeiten für Eltern und Kinder geben als Verdrängung und Leid, bzw. Angst und Scham?

A: Wenn ich daran denke, dass es früher ohne Hormone und chirurgische Höchstleistungen der Medizin Lösungen für Betroffene und Mitbetroffene gab, dann macht mich das sehr traurig. Ich würde das Gespräch mit Ihnen gerne fortsetzen und Lösungsansätze für die frühkindliche Erziehung erörtern. Transsexuelle Menschen sind ein ganz normaler, im Kern gesunder, Teil der Schöpfung.

Was sie viel wichtiger als fremde Hilfe brauchen ist Akzeptanz, dann können sie sich nämlich in vielen Dingen selbst helfen. Unsere Gesellschaft und deren Vorstellung von „normal“ macht sie aber erst zum Problem! Neben allen notwendigen Sofortmaßnahmen für die heute lebenden Betroffenen, müsste an dieser Stelle angesetzt werden.

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Ich habe Ihren Artikel ‘Empfehlungen an die Eltern’ gelesen. Machen Sie es sich dabei nicht zu einfach? Die Wirklichkeit sieht doch für Eltern und Kinder ganz anders aus.

Antwort: Erstens gibt es keine allgemeingültige Wirklichkeit, auch wenn dies von uns Menschen immer wieder so gesehen, angestrebt oder gewünscht wird. Die Realität sieht in einer Stadt anders aus als auf dem Dorf, aber auch hier gibt es in jedem der Bereiche keine verbindliche Realität. Zweitens spielt das soziale Niveau und die Einstellung der Erwachsenen zum Leben, in der Familie und im direkten Umfeld eine erhebliche Rolle. Drittens kommt auch dem Alter der Eltern, des Kindes und der Menschen in der Nachbarschaft eine erhebliche Bedeutung zu.

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Aber diese Reihe von Unwägbarkeiten und Unterschiedlichkeiten ließe sich doch beliebig fortsetzen. Wie können dann Eltern Empfehlungen gegeben werden und den Kindern wirklich geholfen werden?

A: Leider gar nicht, wenn die Hilfe nicht aus jedem einzelnen Menschen selbst heraus kommt. Das oft als Drama erlebte Empfinden transidentischer Menschen beruht auf der einfachen Festschreibung, es gäbe nur Mann oder Frau, „das stehe so in der Bibel - das sei schon immer so gewesen - alles andere ist unnormal oder krank!“ Ich habe ja schon bei unserem letzten Zusammentreffen darüber gesprochen, dass es sich bei Transidenten eben um einen völlig gesunden Teil der Menschheit handelt, zwar selten vertreten, aber eben keine Erscheinung unserer Zeit. Ideal wäre, wenn dies alle Menschen so akzeptieren könnten. Wenn selbst Transidenten fordern, dass die Ursachen erforscht würden, dann ist damit oft die Hoffnung verbunden, die Geburt transidentischer Menschen zu verhindern. Aber kann dies wirklich ein Ziel sein, oder können wir nicht das Leben auch für Transidenten lebenswert machen?.

Aber da dies ein sehr weites Feld ist, schlage ich vor, dass wir uns heute speziell mit Kindern bis zum dritten Lebensjahr beschäftigen.

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Aber in diesem Lebensabschnitt spielt doch das Geschlecht noch gar keine Rolle. Wieso wollen Sie ausgerechnet eine Begrenzung auf diese Zeit?

A: Oberflächlich mag es so aussehen, als ob das Geschlecht noch keine Rolle spielen würde. Das ist aber ein Irrtum. Denken Sie nur an die Frage, ‘ob es dem Stammhalter gut gehe?’, oder den Wunsch der Mutter, ‘das Baby möge doch endlich die ersehnte Tochter sein’. Auch wenn die Ultraschalluntersuchung in erster Linie dazu dient frühzeitig organische Schäden oder Behinderungen des Kindes festzustellen, oder ungewöhnliche, mit Komplikationen verbundene Lagen des Kindes vor der Geburt, so hat sie in der Vorstellung der Bevölkerung doch nicht zuletzt den Sinn, das Geschlecht noch vor der Geburt zu bestimmen. Die ersten Worte von Hebamme oder Arzt, nach der Geburt, lauten fast immer: „Es ist ein gesundes Mädchen (oder eben ein gesunder Junge)“. Sagt der Arzt nur: „Es ist ein gesundes Kind“, dann wird die Mutter stutzig werden und nachfragen ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.

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Ehrlich gesagt habe ich mir dies noch nie so bewusst gemacht, wie Sie es jetzt aussprechen. Davon bekommt das Kind aber doch noch nichts mit. Diese Dinge können doch nicht in den Bereich der Identitätsentwicklung mit einbezogen werden.

A: Doch, wenn wir dies nicht tun, dann machen wir bereits einen großen Fehler. Die Identität ist, nach heutigem Kenntnisstand der medizinischen Wissenschaft nämlich schon festgelegt und zwar unabhängig vom biologischen Geschlecht, auch wenn dies in den meisten Fällen zusammen stimmt. Das Neugeborene hat also nicht nur biologische Vorgaben, sondern auch eine Identitätsvorgabe, ich sage dazu Seele! Beides kann nie mehr in seinem Leben geändert werden. Das Kind wird aber lernen damit umzugehen. Auch Wissenschaftler verwechseln dieses mit der Identität Umgehen mit Identitätsentwicklung. Oder das Kind wird eben daran gehindert mit seiner Identität umzugehen, z.B. wenn die Biologie nicht eindeutig ist, wie dies bei Intersexuellen der Fall ist, oder eben die Identität nicht mit der Erwartungshaltung der Menschen im Umfeld des Kindes in Einklang steht.

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Sie haben mich jetzt richtig neugierig gemacht. Doch zunächst habe ich eine Frage zum Thema ‘Intersexualität’. Bei unseren heutigen Möglichkeiten der Geburtshilfe und der Medizin kann es doch gar nicht mehr vorkommen, dass eine körperliche Abweichung, in Form einer intersexuellen Ausprägung unerkannt bleibt. Diesen Neugeborenen wird doch sofort, zumindest sehr frühzeitig, geholfen. Sie können dann ganz normal als Junge oder Mädchen aufwachsen. Hier müsste doch ein ‘Verschulden’ der Ärzte oder Eltern vorliegen, wenn dem nicht so ist?

A: Vertreter oder Vertreterinnen der Bewegungen, die sich für die Selbstbestimmung und Menschenwürde der Intersexuellen einsetzen, würden Sie jetzt sicher gerne ‘steinigen’. Ich schlage vor, das bei unserem nächsten Treffen ein Vertreter dieser Gruppe anwesend ist und wir uns dann mit diesen Bereich, den ‘Behandlungsmethoden’ bei Kindern mit biologischen Abweichungen, beschäftigen. Ich denke Sie werden dabei schockierende Erkenntnisse gewinnen; und dieses Problem ist auch viel zu umfassend, als dass wir es jetzt hier besprechen können. Aber vielleicht bekommen Sie eine Idee, wenn ich Ihnen sage, dass bei Intersexuellen circa 90% der Kinder, die tatsächlich operiert werden müssen, dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden - und zwar nicht etwa, weil die Kinder einen XX-Chromosomensatz haben - nein, "Es ist einfacher, ein Loch zu machen als einen Pfahl." Da auch die Eltern und die Umgebung gehalten werden, alles zu tun, um das Kind zu einem Mädchen zu machen, und dabei massiver Druck ausgeübt wird, können Sie sich vielleicht vorstellen, was passiert, wenn doch ein "Pfahl" dorthin gehört hätte.

Lassen Sie mich zum Ausgangspunkt, den Kindern bis zum dritten Lebensjahr zurück kommen. Wir Erwachsenen neigen dazu zu glauben, das Kind würde nichts verstehen, nur weil es sich in diesem Alter noch nicht äußern kann. Dabei wissen wir zwar, dass dies nicht so ist, aber wir ignorieren dieses Wissen noch weitgehend oder verdrängen es. Ich möchte so weit gehen, dass ich dies als ‘die Schuld der Erwachsenen’ bezeichne, die sie auf sich laden.

Die Sinne des Kindes, und damit auch seine Wahrnehmung von der Umwelt, entwickeln sich schon etwa drei Monate vor der Geburt. Sind es zunächst die Gefühle, so kommt auch schon dem Ohr als Wahrnehmungsorgan eine große Bedeutung zu, bevor das Kind das Licht der Welt erblickt. Mit der Geburt werden alle Sinne aktiviert und gewinnen zunehmend an Bedeutung. Es entwickelt sich nicht nur körperlich, sondern auch geistig, psychisch und seelisch. Ich unterscheide diese beiden letzten Bereiche bewusst. Meines Erachtens kommt der Psyche eine andere Bedeutung zu als der Seele, vor allem wenn ich die wissenschaftlichen Definitionen von Psyche in Betracht ziehe. Die Seele ist vorgegeben, die Psyche aber den jeweiligen äußeren Umständen angepasst. Von Natur aus ist ein Körper gesund, selbst dann, wenn er nach unseren heutigen Definitionen als behindert eingestuft wird. Der Körper kann krank oder verletzt werden. Dies gilt meines Erachtens analog auch für die Seele.

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Ich verstehe jetzt nicht, warum Sie auf den Begriff ‘Seele’ an dieser Stelle eingehen?

A: Die Erklärung ist ganz einfach: Damit wir eine gemeinsame Gesprächsbasis finden, gehe ich davon aus, dass der Körper das biologische Geschlecht sichtbar macht, also ob ein Mensch zum Zeugen oder Empfangen auf die Welt kommt. Die Seele aber beinhaltet das Identitätsgeschlecht, also die Frage ob ein Mensch männlich oder weiblich ist. Ab dem Zeitpunkt der Geburt wird dem Menschen dann noch das soziale Geschlecht zugeordnet. Im Allgemeinen gehen wir davon aus, dass diese drei Geschlechterdefinitionen gleichgerichtet sind und nur dies natürlich sei.

Vom sozialen Geschlecht wissen wir, dass es in verschiedenen Kulturen, aber auch bei uns in verschiedenenlugins/editors/tinymce/jscripts/tiny_mce/themes/advanced/langs/de.js" type="text/javascript"> Zeiten, Unterschied e und Verschiebungen zu unserer heutigen Sicht gibt und gab. Denken Sie nur an die Jahre nach dem Krieg, als Frauen plötzlich "Männerfunktionen“ einnehmen mussten. Das soziale Geschlecht ist veränderbar und wird von Menschen aus eigenem Antrieb oder durch äußere Einflüsse bestimmt und angenommen oder abgelehnt.

Diese Möglichkeit der Veränderung gibt es weder beim Körper noch bei der Seele. Aus der irrigen Annahme, dass es ja die Psyche sei, durch welche die Geschlechtsidentität festgelegt ist, lassen sich verschiedene Vorstellungen erklären:

Unser psychischer Zustand kann von uns, eventuell mit fremder Hilfe, positiv, sicher aber durch Einflüsse denen wir uns ausgeliefert sehen, negativ beeinflusst werden.

Stabilität und Instabilität unserer Psyche sind einem Entwicklungsprozess unterworfen. Sie kann sich durch traumatische Einflüsse aber auch schlagartig ändern.

Unsere Psyche kann krank sein, also auch geheilt werden.

Wäre nun Geschlechtsidentität eine Sache der Psyche, dann wäre sie entwickelbar, beeinflussbar und heilbar.

Die Geschlechtsidentität ist aber von der Seele vorgegeben. Sie gewinnt im Lauf der Entwicklung des Kindes an Bedeutung. Das Kind wird sich seiner Identität bewusst. Stimmen nun Seele, Körper und soziale Zuordnung zusammen, dann bleibt dieses Bewusstsein nur schwach entwickelt. Nicht aber wenn dabei deutlich wird, dass die Erwartungshaltung der Umwelt anders ist, als das Kind sich empfindet.

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Wollen sie damit sagen, dass Kinder schon vor dem dritten Lebensjahr ein Empfinden für ihre Identität haben?

A: Ja, genau dies will ich damit sagen. Sie können es aber noch nicht ausdrücken oder nach außen für Erwachsene erkennbar machen, jedenfalls im Alltag. Sie erkennen wahrscheinlich auch noch nicht, dass ihr Empfinden, männlich oder weiblich, in der Erwartungshaltung der Umwelt etwas mit der Beschaffenheit ihres Körpers zu tun haben sollte. Was sie aber ‘instinktiv’ tun ist, sich so zu verhalten, dass es ihnen gut geht. Wir hören es immer wieder von Transidenten, dass sie schon in frühester Kindheit spürten, dass ‘etwas nicht in Ordnung sei’, aber nicht wussten was es ist. Erst viel später, als ihnen die Bedeutung von Geschlechtsidentität bewusst wurde, fanden sie dafür einen Namen, manchmal aber auch schon im Alter von 4 bis 6 Jahren. Aus Berichten von Eltern wissen wir, dass Kinder, abweichend von ihren biologischen Vorgaben, schon sehr früh geäußert haben, sie seinen ein Mädchen oder eben ein Junge. Die Antwort der Eltern lautete dann etwa: „Aber nein, mein kleines Dummerchen, ...“.

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Dann können aber Eltern doch auch erst in dieser Zeit darauf aufmerksam werden?

A: Auffällig wird eine vorhandene Transidentität tatsächlich erst in der Entwicklungsphase, in der ein Geschlechtervergleich stattfindet, meist ab dem Kindergartenalter. Hat ein Kind Brüder und/oder Schwestern, so werden Auffälligkeiten oft mit Nachahmung oder neidischem Verhalten verwechselt. Natürlich kann dies vorliegen und ist für sich alleine noch kein Indiz. Bis zum dritten Lebensjahr spielen solche Beobachtungen aber noch keine Rolle. Viel wichtiger sind in dieser Zeit die Prägungen durch die Bezugspersonen des Kindes und die Einflüsse der Menschen in seiner Umwelt.

Jedes Kind lernt in der Zeit der ersten drei Lebensjahre die meisten Strategien zur späteren Lebensbewältigung kennen und ihre Anwendbarkeit in seinem Umfeld. Zu diesen Strategien gehören Durchsetzungsvermögen, Anpassung und Verdrängung, um nur einige wesentliche davon zu nennen. Das Kind wird sie, sein ganzes Leben lang, immer wieder einsetzen. Wir Erwachsenen sind dabei die ‘Gegenspieler’, ohne uns dies wirklich klar zu machen.

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Die Hauptbezugsperson in dieser Entwicklungsphase des Kindes ist in den meisten Fällen die Mutter. Wie kann sie hier steuernd eingreifen um das Lernen von Strategien zu verhindern, die sich später als untauglich herausstellen?

A: Diese Frage hier allgemeingültig zu beantworten ist unmöglich. Selbst wenn ich mich jetzt nur auf die Frage der geschlechtlichen Zuweisung beschränke, gibt es keine allgemeingültige Antwort. In der Praxis hat sich aber gezeigt, dass immer dann, wenn später eine von der biologischen Vorgabe abweichende Geschlechtsidentität sichtbar wird, Parallelen in den Lebensgeschichten auftauchen. Sie wurden auch in der Fremdanamnese sichtbar und lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Wenn wir diese Berichte von den Zufälligkeiten der sozialen und intellektuellen Rahmenbedingungen zu befreien, dann könnten etwa folgende Gruppen aufgezählt werden:

Kinder, die überwiegend im Erwachsenenmilieu aufwachsen: Diese Kleinkinder sind fast ausschließlich von Anfang an einer hohen Erwartungshaltung in der geschlechtlichen Rollenzuweisung ausgesetzt. Besonders hart davon sind Jungen betroffen. Bei Mädchen ist die Rollenzuweisung nur dann extrem groß, wenn Vater und Mutter verschiedene Wunschvorstellungen hatten. In diesen Fällen wird es für ein Kind sehr wichtig sein, dass die Mutter zu großen Zuweisungsansprüchen entgegen steuert. Es geht in der Zeit, der Entwicklung bis zum dritten Lebensjahr, um ein Kind und noch nicht um einen Jungen oder ein Mädchen!

Kinder, deren Umfeld eine gut gemischte Altersstruktur aufweist: Diese Kinder können sich meist sehr frei entwickeln. In Fällen, bei denen sich später eine Transidentität herausstellte, stellte sich meistens heraus, dass sie in dieser Struktur dem Zwang einer Rollenzuweisung ausgesetzt waren. Ihre freie Entwicklung wurde dadurch gestört. Auch wenn ich das hier vereinfachend darstelle, mag es einen ersten Einblick in diese Entwicklung geben.

Kinder, in deren Umfeld unter den Erwachsenen sehr große Spannungen bestehen: Da diese Kleinkinder natürlich nicht verstehen können, woher diese Spannungen kommen, diese aber sehr wohl erleben, werden sie grundsätzlich an einer freien Entwicklung gehindert. Sie spüren Ablehnung ebenso wie eine überbetonte, unnatürliche Zuwendung, z.B. im Sinne von: " Ein Glück, dass ich wenigstens Dich habe." Wird dann auch noch dem Kind in diesem Beispiel, biologisch als Mädchen eingestuft, von der Mutter erzählt, wie schlimm doch Männer seien, der Vater oder der ältere Bruder, dann wird sich bei einer schon vorhandenen aber nicht sichtbaren Transidentität bereits in diesem Alter eine Ablehnung der eigenen Geschlechtsidentität manifestieren. Dies führt später zu erheblichen Problemen in der Annahme der eigenen Identität.

Natürlich konnte ich jetzt nur eine sehr grobe Einteilung vornehmen. Das Leben und die Entwicklung eines Kleinkindes sind viel zu komplex um es hier auf einen allgemeingültigen Nenner zu bringen. Dies ist nicht nur ein Nachteil, sondern auch die große Chance, die das Leben für uns bereit hält.

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Könnte man Müttern eine allgemeine Regel für den Umgang mit ihrem Kind an die Hand geben, unabhängig davon, wie die konkrete Lebenssituation aussieht?

A: Ja, gerade für die ersten drei Lebensjahre erscheint mir dies möglich. Die Grundregel sollte heißen: ‘Vermeiden sie jede geschlechtsspezifische Überbetonung, die für die Entwicklung in diesem Lebensabschnitt noch keine Rolle spielt. Lassen sie ihr Kind reifen. Wehren sie sich, im Interesse ihres Kindes gegen Zuweisungen, die von außen kommen. Das Kind wird früh genug damit konfrontiert werden. Je weniger es schon festgelegt ist, um so sicherer kann es später zu seiner Geschlechtsidentität stehen.’

Ende

20. Dez. 1997

Musterbrief an eine Hauptschule

In diesem Brief geht es um ein 16jähriges Transmädchen das die 10. Klasse der Hauptschule besucht. Name und persönliche Daten wurden entsprechend der Schweigepflicht anonymisiert.

Nürnberg, 31.01.xxxx

Sehr geehrter Herr ...,
sehr geehrte Frau ...,

Sie werden sich möglicherweise wundern von mir Post zu bekommen. Es geht um Ihre Schülerin, Xxx (amtlich noch Yyy). Ich habe von Xxxs Situation im Herbst 2000 erstmals erfahren, zunächst durch Anfragen einer Therapeutin und der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, später durch eine direkte Anfrage von Xxx bei mir.

Ich habe Fräulein Xxx den "Ergänzungsausweis" ausgestellt, da sie inzwischen alle Voraussetzungen dafür erfüllt (Vorläufiger Ausweis). Der Ausweis wird Transsexuellen, auf Antrag als Ergänzung zum Personalausweis (da Xxx noch keinen Personalausweis hat ergibt sich die Vorläufigkeit), ausgestellt um ihre soziale Stabilität zu sichern, sie vor Diskriminierung weitgehend zu schützen und sie aus der Lage zu befreien, dass sie Ämtern und Behörden gegenüber immer wieder in Erklärungsnotstand geraten. Die rechtliche Zulässigkeit zur Ausgabe des Ausweises wurde 1998 mit dem Bundesministerium des Inneren im Vorfeld geklärt. Xxx lebt und fühlt als Xxx und nicht als Yyy. Soweit ich dies beurteilen kann tut sie dies in einer sehr natürlichen Art und Weise und nicht gekünstelt oder überzogen. Soweit zur Vorgeschichte.

Ich habe nun im Interesse von Xxx ein, in seiner Wirkung sehr bedeutsames Anliegen an Sie. Xxx wird im Rahmen der schulischen Ausbildung, so weit mir bekannt ist, einerseits ein Betriebspraktikum absolvieren müssen, zum anderen will sie sich aber auch, gerade wegen ihrer guten Leistungen an einer weiterführenden Schule bewerben. Ihre Chancen dabei stehen nicht schlecht, soweit dies aus den mir vorliegenden Unterlagen hervorgeht.

Ich bitte Sie deshalb von der Möglichkeit Gebrauch zu machen das Zwischenzeugnis von Yyy, 10. Jahrgangsstufe, auf den Namen Xxx neu auszustellen. Ich bitte Sie weiter darum zukünftige Zeugnisse ebenfalls auf diesen Namen auszustellen.

Da es sich sowohl bei dem Zwischenzeugnis, als auch einem Abschlusszeugnis um ein amtliches Dokument handelt weiß ich natürlich um Ihre rechtlichen Bedenken, wenn Sie bisher noch keinen solchen Fall hatten. Es handelt sich ja eindeutig um einen Fall in dem sich verschiedene Rechtsansprüche zunächst nur gegeneinander abwägen lassen, eine starre Lösung oder Rechtsvorschrift dazu gibt es nicht.

Grundsätzlich wird in einem Zeugnis eine Leistung beurkundet die von einer bestimmten Person erbracht wurde. Das wesentliche Merkmal ist also die Leistung, der Name selbst ist zweitrangig, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es ja um die weitere schulische, später berufliche Qualifizierung geht. Xxx verkleidet sich ja nicht, sondern ist in ihr Leben hinein gewachsen. Für eine Umstellung von

der Schüler Yyy in die Schülerin Xxx

spricht auch die Tatsache, dass bei Xxx bereits mit entsprechenden Behandlungsschritten in Richtung Mann-zu-Frau begonnen wurde. Entsprechende medizinische und psychologische Bescheinigungen liegen mir vor. Gerade bei jungen Menschen ergibt sich erfahrungsgemäß eine sehr rasch einsetzende körperliche Veränderung in Richtung des „Zielgeschlechtes“.

Von dem Versuch jetzt schon eine gerichtliche Umstellung nach TSG zu betreiben rate ich zum augenblicklichen Zeitpunkt ab. Dafür gibt es mindestens drei Gründe:

1. Erfahrungsgemäß dauert ein Verfahren, wie im Falle von Xxx, erfahrungsgemäß mindestens 18 Monate und führt zu erheblichen persönlichen Belastungen.

2. Die Berührungsängste von Richtern und Sachverständigen mit jungen Transsexuellen sind sehr groß. Oft verweisen sie sogar auf die Altersgrenze von 18 oder 25 Jahren, obwohl diese vom Bundesverfassungsgericht bereits in den 80er Jahren als unwirksam erklärt wurde.

3. Xxx könnte zum jetzigen Zeitpunkt nur den Antrag auf Änderung des Namens stellen und müsste dann später ein weiteres Verfahren zur Änderung der Geschlechtszugehörigkeit anstreben. Es ist vor allem für junge Transsexuelle sinnvoll erst dann den Antrag zu stellen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind beide Verfahren in einem Zuge durchzuführen.

Leider habe ich es immer wieder, in den letzten 7 Jahren der Betreuungs- und Aufklärungsarbeit erleben müssen, dass man in Deutschland mit „Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität“ sehr restriktiv umgeht, was häufig erst zu seelischen und körperlichen Einbrüchen führt bevor „Experten“ bereit sind zu helfen. Besonders oft ist dies gerade bei jungen Menschen zu beobachten. Die nun schon fast 2 Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit mit jungen „Transsexuellen“ ab einem Alter von ca. 4-5 Jahren an der Universität in Utrecht, Niederlande, zeigt jedoch, dass es auch anders gehen kann.

Da es sich bei Ihnen um den ersten so gelagerten Fall handelt kann ich verstehen, dass Sie möglicherweise neben dem Wunsch zu helfen auch Bedenken haben. Im Fall von Xxx sind die medizinischen und psychologischen Aspekte eindeutig abgedeckt. Für ihre Leistungsfähigkeit sorgt sie selbst und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich durch die Behandlung Xxxs Lage zum Negativen entwickelt. Zum sozialen Bereich gehört natürlich auch die Schule. Es würde nichts bringen, wenn zwar auf dem Zeugnis „die Schülerin Xxx“ steht, sie aber ansonsten wie Yyy behandelt wird. Daraus ergeben sich natürlich auch praktische Probleme im Schulalltag, die bedacht und gelöst werden müssen.

Ich kenne nun die Lage in Ihrer Schule und die Zusammensetzung der Klasse von Xxx nicht. Ich kann aber einfach Denkanstöße geben, die aus meinen Erfahrungen mit der „Umsetzung“ in Köln gemacht wurden.

Da wäre zunächst ein ganz banales Problem, die Toilettenfrage. In einem Fall, es handelte sich um eine weiterführende Schule, in der „die Schülerin“ noch nicht bekannt war, bekam sie einen Schlüssel für die Lehrertoilette um dem Problem aus dem Weg zu gehen. In den 5 anderen Fällen (3x Transfrau, 2x Transmann = Zielgeschlecht) wurde in der Klasse ganz offen darüber gesprochen. Die Transmänner setzten sich auf der Knabentoilette ganz einfach durch, 2 Transfrauen wurden ohne jeden Hauch von Irritation auf der Mädchentoilette akzeptiert, in einem Fall wurde gebeten für die Benutzung der Toilette die Pausen möglichst zu vermeiden.

Sport und Duschen: In allen Fällen waren die Betroffenen vom Schwimmunterricht befreit (was sich natürlich nicht auf die Sportnote auswirkte). 2 Transfrauen waren grundsätzlich vom Sport befreit. Die anderen waren angewiesen nach dem Sport die vorhandenen, abschließbaren Einzelduschen zu benutzen.

Schülerakte: In allen Fällen wurde die Schülerakte auf den neuen Namen umgestellt. Sie wurde lediglich mit einem Vermerk versehen, dass für Nachfragen von Behörden (Meldestelle, Polizei, u.ä., nicht aber Kammern, Krankenkasse, Versicherungen u.ä.) zusätzliche Informationen bei der Schulleitung eingeholt werden müssen. Dort wurde eine Akte verwahrt, aus der sich die amtliche Identität laut Geburtsurkunde ergab. Mit vollzogener gesetzlicher Namensänderung muss diese Akte dann aber vernichtet werden (§ 10 TSG, Offenbarungsverbot: ... dürfen keine Auskünfte erteilt werden, die auf die ursprüngliche Identität hinweisen).

Schulische Unfall und Haftpflichtversicherung: Auf der Meldeliste für die staatliche Versicherung der Schüler wurde der neue Name eingetragen. Dies ist insoweit rechtlich zulässig, da ja der Schüler/ die Schülerin ab dem Zeitpunkt, in dem er/sie an der Schule in der neuen Geschlechtsrolle geführt wird auch in dieser Rolle versichert werden muss. Wie sollte sonst z.B. ein Unfall auf der Mädchentoilette gemeldet und bearbeitet werden, bei einer Transfrau die noch als „der Schüler ...“ gemeldet ist?

Alle anderen Probleme, sich der „neuen Geschlechtsrolle“ entsprechend zu verhalten und damit dann auch klar zu kommen, sind im wesentlichen Aufgabe des Betroffenen selbst. Geschlecht macht sich nicht nur am Namen fest, sondern vor allem auch an der inneren Haltung und der damit verbundenen Ausstrahlung. Dies ist meiner Erkenntnis nach bei Xxx gegeben und wird von ihren Eltern auch entsprechend gestützt.

Sollten Sie noch weitere Fragen haben so stehe ich natürlich auch Ihnen zur Verfügung. Allgemeine Informationen über die Thematik können Sie bei uns unter www.dgti.org nachlesen.

In der Hoffnung, dass Sie Xxx entsprechend weiterhelfen können verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

(Helma Katrin Alter)
Beratungsstelle Nürnberg
der dgti

Musterbrief an ein Gymnasium

In diesem Brief geht es um einen 17jährigen Transjungen der die 12. Klasse des Gymnasiums besucht. Name und persönliche Daten wurden entsprechend der Schweigepflicht anonymisiert.

Nürnberg, 19.05.xxxx

Sehr geehrter Herr ...,

Sie werden sich möglicherweise wundern von mir Post zu bekommen. Es geht um Ihren Schüler Klaus Peter XY (amtlich noch Anna Maria). Ich habe von Klaus Situation im Frühjahr 2002 erstmals erfahren. Es folgte ein sehr ausführliches sozialtherapeutisches Beratungsgespräch, hier bei mir in der Geschäftsstelle der dgti.

Ich habe Herrn XY den "Ergänzungsausweis" ausgestellt, da er inzwischen alle Voraussetzungen dafür erfüllt. Der Ausweis wird Transsexuellen, auf Antrag als Ergänzung zum Personalausweis, ausgestellt um ihre soziale Stabilität zu sichern, sie vor Diskriminierung weitgehend zu schützen und sie aus der Lage zu befreien, dass sie Ämtern und Behörden gegenüber immer wieder in Erklärungsnotstand geraten. Die rechtliche Zulässigkeit zur Ausgabe des Ausweises wurde 1998 mit dem Bundesministerium des Inneren im Vorfeld geklärt. Klaus lebt und fühlt als Klaus und nicht als Anna. Soweit ich dies beurteilen kann tut er dies in einer sehr natürlichen Art und Weise und nicht gekünstelt oder überzogen. Sowohl aus der von mir erhobenen Anamnese, als auch aus der Bestätigung seiner Therapeutin, geht eindeutig hervor, dass sich Klaus schon seit frühester Kindheit als Junge gefühlt hat. So stellte er zum Beispiel schon im Kindergarten klar: „ich heiße Anna, aber ich bin ein Junge.“ Die Bedeutung der geschlechtlichen Zuweisung – Anna = weiblich – wurde ihm erst im Laufe der Schulzeit, vor allem der Pubertät bewusst, und damit auch die Schwierigkeiten mit seinem eigenen Gefühl. Kleine „high lights“ waren Situationen, in denen er von der Öffentlichkeit als Junge wahrgenommen wurde. Sein Erscheinungsbild ist männlich und wird durch die beginnende Behandlung noch dahingehend verstärkt werden. Soweit zur Vorgeschichte.

Ich habe nun im Interesse von Klaus ein, in seiner Wirkung sehr bedeutsames Anliegen an Sie. Klaus steht in überschaubarer Zeit vor dem Abschluss seiner schulischen Laufbahn und dem Übergang ins Berufsleben oder ein Studium.

Ich bitte Sie deshalb von der Möglichkeit Gebrauch zu machen Zwischenzeugnisse von Anna auf den Namen Klaus neu auszustellen. Ich bitte Sie weiter darum zukünftige Zeugnisse ebenfalls auf diesen Namen auszustellen.

Da es sich sowohl bei Zwischenzeugnissen, als auch einem Abschlusszeugnis um ein amtliches Dokument handelt weiß ich natürlich um Ihre rechtlichen Bedenken, wenn Sie bisher noch keinen solchen Fall hatten. Es handelt sich ja eindeutig um einen Fall in dem sich verschiedene Rechtsansprüche zunächst nur gegeneinander abwägen lassen, eine starre Lösung oder Rechtsvorschrift dazu gibt es nicht.

Grundsätzlich wird in einem Zeugnis eine Leistung beurkundet die von einer bestimmten Person erbracht wurde. Das wesentliche Merkmal ist also die Leistung, der Name selbst ist zweitrangig, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es ja um die weitere schulische, später berufliche Qualifizierung geht. Klaus verkleidet sich ja nicht, sondern ist in sein Leben hinein gewachsen. Für eine Umstellung von

die Schülerin Anna Maria XY in der Schüler Klaus Peter XY

spricht auch die Tatsache, dass bei Klaus mit entsprechenden Behandlungsschritten in Richtung Frau-zu-Mann begonnen wurde. Entsprechende medizinische und psychologische Bescheinigungen liegen mir vor. Gerade bei jungen Menschen ergibt sich erfahrungsgemäß eine sehr rasch einsetzende körperliche Veränderung in Richtung des „Zielgeschlechtes“.

Von dem Versuch jetzt schon eine gerichtliche Umstellung nach TSG zu betreiben rate ich zum augenblicklichen Zeitpunkt ab. Dafür gibt es mindestens drei Gründe:

1. Erfahrungsgemäß dauert ein Verfahren, wie im Falle von Klaus, mindestens 18 Monate und führt zu erheblichen persönlichen Belastungen.

2. Die Berührungsängste von Richtern und Sachverständigen mit jungen Transsexuellen sind sehr groß. Oft verweisen sie sogar auf die Altersgrenze von 25 Jahren, obwohl diese vom Bundesverfassungsgericht bereits in den 80er Jahren als unwirksam erklärt wurde.

3. Klaus könnte zum jetzigen Zeitpunkt nur den Antrag auf Änderung des Namens stellen und müsste dann später ein weiteres Verfahren zur Änderung der Geschlechtszugehörigkeit anstreben. Es ist vor allem für junge Transsexuelle sinnvoll erst dann den Antrag zu stellen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind beide Verfahren in einem Zuge durchzuführen.

Leider habe ich es immer wieder, in den letzten 8 Jahren der Betreuungs- und Aufklärungsarbeit erleben müssen, dass man in Deutschland mit „Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität“ sehr restriktiv umgeht, was häufig erst zu seelischen und körperlichen Einbrüchen führt bevor „Experten“ bereit sind zu helfen. Besonders oft ist dies gerade bei jungen Menschen zu beobachten. Die nun schon fast 2 Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit mit jungen „Transsexuellen“ ab einem Alter von ca. 4-5 Jahren an der Universität in Utrecht, Niederlande, zeigt jedoch, dass es auch anders gehen kann. Durch die persönlichen Kontakte mit Prof. Gooren, der den einzigen Lehrstuhl für Transsexualität in Europa in Amsterdam inne hat, bin ich über die Arbeitsweise von Utrecht gut informiert.

Da es sich bei Ihnen um den ersten so gelagerten Fall handelt kann ich verstehen, dass Sie möglicherweise neben dem Wunsch zu helfen auch Bedenken haben. Im Fall von Klaus sind die medizinischen und psychologischen Aspekte eindeutig abgedeckt. Für seine Leistungsfähigkeit sorgt er selbst und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich durch die Behandlung Klauss Lage zum Negativen entwickelt. Zum sozialen Bereich gehört natürlich auch die Schule. Es würde nichts bringen, wenn zwar auf dem Zeugnis „der Schüler Klaus Peter XY“ steht, er aber ansonsten wie Anna behandelt wird. Daraus ergeben sich natürlich auch praktische Probleme im Schulalltag, die bedacht und gelöst werden müssen.

Ich kenne nun die Lage in Ihrer Schule und die Zusammensetzung der Klasse von Klaus nicht. Ich kann aber einfach Denkanstöße geben, die aus meinen Erfahrungen mit der „Umsetzung“ die an anderen Schulen in Köln, NRW und Hessen, auf Initiative der dgti hin, gemacht wurden.

Da wäre zunächst ein ganz banales Problem, die Toilettenfrage. In einem Fall, es handelte sich um eine weiterführende Schule, in der „die Schülerin“ noch nicht bekannt war, bekam sie einen Schlüssel für die Lehrertoilette um dem Problem aus dem Weg zu gehen. In den 7 anderen Fällen (4x Transfrau, 3x Transmann = Zielgeschlecht) wurde in der Klasse ganz offen darüber gesprochen. Die Transmänner setzten sich auf der Knabentoilette ganz einfach durch, 3 Transfrauen wurden ohne jeden Hauch von Irritation auf der Mädchentoilette akzeptiert, in einem Fall wurde gebeten für die Benutzung der Toilette die Pausen möglichst zu vermeiden.

Sport und Duschen: In allen Fällen waren die Betroffenen vom Schwimmunterricht befreit (was sich natürlich nicht auf die Sportnote auswirkte). 3 Transfrauen waren grundsätzlich vom Sport befreit. Die anderen waren angewiesen nach dem Sport die vorhandenen, abschließbaren Einzelduschen zu benutzen.

Schülerakte: In allen Fällen wurde die Schülerakte auf den neuen Namen umgestellt. Sie wurde lediglich mit einem Vermerk versehen, dass für Nachfragen von Behörden (Meldestelle, Polizei, u.ä., nicht aber Kammern, Krankenkasse, Versicherungen u.ä.) zusätzliche Informationen bei der Schulleitung eingeholt werden müssen. Dort wurde eine Akte verwahrt, aus der sich die amtliche Identität laut Geburtsurkunde ergab. Mit vollzogener gesetzlicher Namensänderung muss diese Akte dann aber vernichtet werden (§§ 5 u. 10 TSG, Offenbarungsverbot: ... dürfen keine Auskünfte erteilt werden, die auf die ursprüngliche Identität hinweisen).

Schulische Unfall und Haftpflichtversicherung: Auf der Meldeliste für die staatliche Versicherung der Schüler wurde der neue Name eingetragen. Dies ist insoweit rechtlich zulässig, da ja der Schüler/ die Schülerin ab dem Zeitpunkt, in dem er/sie an der Schule in der neuen Geschlechtsrolle geführt wird auch in dieser Rolle versichert werden muss. Wie sollte sonst z.B. ein Unfall auf der Knabentoilette gemeldet und bearbeitet werden, bei einem Transmann der noch als „die Schülerin ...“ gemeldet ist?

Alle anderen Probleme, sich der „neuen Geschlechtsrolle“ entsprechend zu verhalten und damit dann auch klar zu kommen, sind im wesentlichen Aufgabe des Betroffenen selbst. Geschlecht macht sich nicht nur am Namen fest, sondern vor allem auch an der inneren Haltung und der damit verbundenen Ausstrahlung. Dies ist meiner Erkenntnis nach bei Klaus gegeben und wird von seinen Eltern inzwischen auch entsprechend gestützt.

Sollten Sie noch weitere Fragen haben so stehe ich natürlich auch Ihnen zur Verfügung. Allgemeine Informationen über die Thematik können Sie bei uns unter www.dgti.org nachlesen. In der Hoffnung, dass Sie Klaus Peter XY entsprechend weiterhelfen können verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

(Helma Katrin Alter)
Beratungsstelle Nürnberg
der dgti

Musterbrief an eine Grundschule

In diesem Brief geht es um ein 9jähriges Kind das die 3. Klasse der Grundschule besucht. Name und persönliche Daten wurden entsprechend der Schweigepflicht anonymisiert.

Nürnberg, 26.05.xxxx

Sehr geehrter Herr ...,
sehr geehrte Frau ...,

Sie werden sich möglicherweise wundern von mir Post zu bekommen. Es geht um Ihre Schülerin, Petra Xyz (amtlich noch Michael). Ich habe von Petras Situation erstmals durch Anruf der Mutter Ende April erfahren.

Ich habe Petra den "Ergänzungsausweis" ausgestellt (siehe Anlagen), da sie inzwischen alle Voraussetzungen dafür erfüllt (vorläufiger Ausweis). Der Ausweis wird Transsexuellen, auf Antrag als Ergänzung zum Kinderausweis (da Petra noch keinen Personalausweis hat ergibt sich die Vorläufigkeit), ausgestellt um ihre soziale Stabilität zu sichern, sie vor Diskriminierung weitgehend zu schützen und sie aus der Lage zu befreien, dass sie Ämtern und Behörden gegenüber immer wieder in Erklärungsnotstand gerät. Die rechtliche Zulässigkeit zur Ausgabe des Ausweises wurde 1998 mit dem Bundesministerium des Inneren im Vorfeld geklärt und entspricht einer Forderung der Eu aus der 11. Wahlperiode der Bundesrepublik Deutschland. Petra lebt und fühlt als Petra und nicht als Michael. Soweit ich dies beurteilen kann tut sie dies in einer sehr natürlichen Art und Weise und nicht gekünstelt oder überzogen. Ich habe seither die Familie schon zweimal besucht um mir ein persönliches Bild über Petra und den Familienhintergrund zu machen (erster Termin So 13.Mai von 11:00-17:00h und Do 24. Mai von 17:00-19:00h). Soweit zur Vorgeschichte.

Ich habe nun im Interesse von Petra ein, in seiner Wirkung sehr bedeutsames Anliegen an Sie. Petra ist ja z.Z. in der 3. Klasse, d.h. es steht im nächsten Schuljahr die Entscheidung an in welche folgende Schulart sie übertreten wird. Dies bedeutet, dass es zu den übergeordneten Aufgaben der Schule und Klassenleitung gehört, Petra zu ermöglichen ihre Fähigkeiten möglichst unbelastet zu entfalten, um den für sie tatsächlich möglichen weiteren schulischen Weg beschreiten zu können.

Ich bitte Sie deshalb von der Möglichkeit Gebrauch zu machen das Zeugnis von Michael, der 3. Jahrgangsstufe, auf den Namen Petra auszustellen. Ich bitte Sie weiter darum zukünftige Zeugnisse ebenfalls auf diesen Namen auszustellen.

Da es sich bei dem Zeugnis um ein amtliches Dokument handelt weiß ich natürlich um Ihre rechtlichen Bedenken, wenn Sie bisher noch keinen solchen Fall hatten. Es handelt sich ja eindeutig um einen Fall in dem sich verschiedene Rechtsansprüche (auf die ich noch eingehen werde) zunächst nur gegeneinander abwägen lassen, eine starre Lösung oder Rechtsvorschrift dazu gibt es nicht, da man zum Zeitpunkt der Einführung des Transsexuellengesetzes TSG davon ausging, dass es nur von Erwachsenen in Anspruch genommen werde.

Grundsätzlich wird in einem Zeugnis eine Leistung beurkundet die von einer bestimmten Person erbracht wurde. Das wesentliche Merkmal ist also die Leistung, der Name selbst ist zweitrangig, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es ja um die weitere schulische, später berufliche Qualifizierung geht. Petra verkleidet sich ja nicht, sondern ist in ihr Leben hinein gewachsen. Für eine Umstellung von

der Schüler Michael in die Schülerin Petra

spricht auch die Tatsache, dass bei Petra mit entsprechenden Behandlungsschritten in Richtung Mann-zu-Frau in Kürze, also noch vor Eintritt der Pubertät, begonnen wird, so dass es nicht zu einer Entwicklung der männlichen Geschlechtsreife kommen kann (sondern zu einer biologischen Verweiblichung). Gerade bei jungen Menschen ergibt sich erfahrungsgemäß eine sehr rasch einsetzende körperliche Veränderung in Richtung des „Zielgeschlechtes“ (also nicht des bei der Geburt zugewiesenen Hebammengeschlechtes, sondern des Identitätsgeschlechtes).

Von dem Versuch jetzt schon eine gerichtliche Umstellung nach TSG zu betreiben rate ich zum augenblicklichen Zeitpunkt ab. Dafür gibt es mindestens vier Gründe:

1. Erfahrungsgemäß dauert ein Verfahren, wie im Falle von Petra, mindestens 18 Monate und führt gerade bei einem Kind in seiner Entwicklung zu erheblichen persönlichen Belastungen.

2. Die Berührungsängste von Richtern und Sachverständigen mit jungen Transsexuellen sind sehr groß. Oft verweisen sie sogar auf die Altersgrenze von 18 oder 25 Jahren, obwohl diese vom Bundesverfassungsgericht bereits in den 80er Jahren als unwirksam erklärt wurde.

3. Petra könnte zum jetzigen Zeitpunkt nur den Antrag auf Änderung des Namens stellen und müsste dann später ein weiteres Verfahren zur Änderung der Geschlechtszugehörigkeit anstreben. Es ist vor allem für junge Transsexuelle sinnvoll erst dann den Antrag zu stellen, wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind beide Verfahren in einem Zuge durchzuführen.

4. Vom Bundesverfassungsgericht wurden wesentliche Teile des sog. Transsexuellengesetzes (TSG) als mit dem Grundgesetz unvereinbar erklärt und außer Kraft gesetzt. Eine umfassende Reform des TSG ist zwingend erforderlich und steht an.

Leider habe ich es immer wieder, in den letzten 13 Jahren der Betreuungs- und Aufklärungsarbeit erleben müssen, dass man in Deutschland mit „Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität“ sehr restriktiv umgeht, was häufig erst zu seelischen und körperlichen Einbrüchen führt bevor „Experten“ bereit sind zu helfen. Besonders oft ist dies gerade bei jungen Menschen zu beobachten. Die nun schon fast 4 Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit mit jungen „Transsexuellen“ ab einem Alter von ca. 4-5 Jahren an der Universität in Utrecht, Niederlande, zeigt jedoch, dass es auch anders gehen kann. Prof. Gooren, der in Amsterdam den einzigen Lehrstuhl für „Transsexualität“ inne hatte, hat mich persönlich in die Arbeitsweise mit Kindern und Jugendlichen, die sich nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig empfinden, eingeführt.

Da es sich bei Ihnen um den ersten so gelagerten Fall handelt kann ich verstehen, dass Sie möglicherweise neben dem Wunsch zu helfen auch Bedenken haben. Im Fall von Petra werden die medizinischen und psychologischen Aspekte eindeutig abgeklärt, soweit ich diese Abklärung nicht selbst vornehmen kann (sowohl die Hamburger Kinder- und Jugendendokrinologie als auch die Pädiatrie der Uni-Klink Frankfurt haben mich um entsprechende Zusammenarbeit gebeten). Für ihre Leistungsfähigkeit sorgt Petra selbst und es ist auch nicht zu erwarten, dass sich durch die Behandlung Petras Lage zum Negativen entwickelt. Zum sozialen Bereich gehört natürlich auch die Schule. Es würde nichts bringen, wenn zwar auf dem Zeugnis „die Schülerin Petra“ steht, sie aber ansonsten wie Michael behandelt wird. Daraus ergeben sich natürlich auch praktische Probleme im Schulalltag, die bedacht und gelöst werden müssen.

Ich kenne nun die Lage in Ihrer Schule und die Zusammensetzung der Klasse von Petra nicht. Ich kann aber einfach Denkanstöße geben, die aus meinen Erfahrungen mit der „Umsetzung“ in Köln und auch in Hürth (einem „Fall“, den ich vor 8 Jahren beginnend begleitete) gemacht wurden. Darüber hinaus hat ja die Mutter von Petra bereits einen Termin vereinbart bei dem ich Ihnen zur Verfügung stehe (darüber hinaus auch der gesamten Lehrerschaft, der Klasse und auch z.B. bei einem Elternabend).

Da wäre zunächst ein ganz banales Problem, die Toilettenfrage. In einem Fall, es handelte sich um eine weiterführende Schule, in der „die Schülerin“ noch nicht bekannt war, bekam sie einen Schlüssel für die Lehrertoilette um dem Problem aus dem Weg zu gehen. In den 5 anderen Fällen (3x Transfrau, 2x Transmann = Zielgeschlecht) wurde in der Klasse ganz offen darüber gesprochen. Die Transmänner setzten sich auf der Knabentoilette ganz einfach durch, 2 Transfrauen wurden ohne jeden Hauch von Irritation auf der Mädchentoilette akzeptiert, in einem Fall wurde gebeten für die Benutzung der Toilette die Pausen möglichst zu vermeiden.

Sport und Duschen: In allen Fällen waren die Betroffenen vom Schwimmunterricht befreit (was sich natürlich nicht auf die Sportnote auswirkte und auch nicht zwingend sein muss, da es ja auf die körperliche Entwicklung ankommt – Hoden schon am Beginn der Geschlechtsreife bei Transfrauen, bereits begonnenes Brustwachstum bei Transmännern). Zwei Transfrauen waren grundsätzlich vom Sport befreit. Die anderen waren angewiesen nach dem Sport die vorhandenen, abschließbaren Einzelduschen zu benutzen.

Schülerakte: In allen Fällen wurde die Schülerakte auf den neuen Namen umgestellt. Sie wurde lediglich mit einem Vermerk versehen, dass für Nachfragen von Behörden (Meldestelle, Polizei, u.ä., nicht aber Kammern, Krankenkasse, Versicherungen u.ä.) zusätzliche Informationen bei der Schulleitung eingeholt werden müssen. Dort wurde eine Akte verwahrt, aus der sich die amtliche Identität laut Geburtsurkunde ergab. Mit vollzogener gesetzlicher Namensänderung muss diese Akte dann aber vernichtet werden (§§ 5 und 10 TSG, Offenbarungsverbot: ... dürfen keine Auskünfte erteilt werden, die auf die ursprüngliche Identität hinweisen).

Schulische Unfall und Haftpflichtversicherung: Auf der Meldeliste für die staatliche Versicherung der Schüler wurde der neue Name eingetragen. Dies ist insoweit rechtlich zulässig, da ja der Schüler/die Schülerin ab dem Zeitpunkt, in dem er/sie an der Schule in der neuen Geschlechtsrolle geführt wird auch in dieser Rolle versichert werden muss. Wie sollte sonst z.B. ein Unfall auf der Mädchentoilette gemeldet und bearbeitet werden, bei einer Transfrau die noch als „der Schüler ...“ gemeldet ist?

Alle anderen Probleme, sich der „neuen Geschlechtsrolle“ entsprechend zu verhalten und damit dann auch klar zu kommen, sind im wesentlichen Aufgabe des Betroffenen selbst. Geschlecht macht sich nicht nur am Namen fest, sondern vor allem auch an der inneren Haltung und der damit verbundenen Ausstrahlung. Dies ist meiner Erkenntnis nach bei Petra gegeben und wird von ihrer Mutter und dem nicht erziehungsberechtigten Vater auch entsprechend gestützt.

Im Anhang finden Sie einige juristische Informationen, die Ihnen die Entscheidung, Petra ihrer gelebten Identität entsprechend zu behandeln erleichtern sollen. Das oberste Ziel einer Schule ist es nicht den Schülern in die Unterhose zu schauen, sondern dafür zu sorgen, dass es ihnen ermöglicht wird zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit zu kommen, wie dies im Artikel 2 GG ausdrücklich zugesichert wird. In Deutschland gilt grundsätzlich, dass Bundesgesetz Landesrecht bricht. Dies gilt auch im Sinne der föderalen Regelungen der Bildung, wenn sich das Bundesrecht auf das Grundgesetz stützt. Dort finden wir im Art. 1 „die Würde des Menschen ist unantastbar“. Es kann also kein Landesrecht zum Tragen kommen, das dieser Zusage widerspricht, schon gar nicht eine Rechtsverordnung oder Verwaltungsvorschrift, die über das Grundgesetz gestellt wird.

Natürlich bin ich mir klar darüber, dass es Organen der gesellschaftlichen Ordnung, und dazu gehört ja auch die Schule, schwer fallen kann diesem übergeordneten Grundsatz zu folgen. Sie müssen es aber. Schule ist nicht „Unterhosenwächter“ sondern eine Einrichtung, die Entfaltung des Menschen und Erziehung zur Bildung und Wissen zu fördern hat. Also respektieren sie das Gefühl und Leben von Petra.

Sollten Sie noch weitere Fragen haben so stehe ich natürlich auch Ihnen, auch schon vor dem bereits vereinbarten Gespräch, zur Verfügung (Kontaktmöglichkeit siehe Briefkopf). Allgemeine Informationen über die Thematik können Sie bei uns unter www.dgti.org nachlesen.

In der Hoffnung, dass Sie Petra entsprechend weiterhelfen können verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

(Helma Katrin Alter)
Beratungsstelle Nürnberg
der dgti
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