|
Deutsche
Gesellschaft für Transidentität
und Intersexualität e.V.
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Zahlenspiele, oder: Wo sind sie denn hin?Inhalt Eine Frage kommt jedesmal recht früh, wenn man über Transmenschen redet, und bis vor Kurzem konnte man nur vage Antworten geben: Wie viele seid ihr eigentlich? Wirklich präzise Zahlen haben wir immer noch nicht, aber die beiden Artikel von Lynn Conways von 2001 und 2007 gaben uns stichhaltige Hinweise, daß es schon ein wenig mehr sind als gemeinhin kolportiert wird. Angeregt von ihren Berechnungen haben wir zusammengetragen, was uns an Zahlen vorliegt, und auch mal nachgerechnet. Das Ergebnis ist überraschend. Gemeinhin kolportiert werden momentan oft Zahlen im Bereich 2000-6000 "Transsexuelle" in Deutschland. Seltsamerweise sinken diese Zahlen, noch vor etwa zwei Jahren war die üblicherweise genannte Zahl 6000-7000. Hat es eine Todeswelle gegeben? Wir haben nichts davon mitbekommen. Und man hört ja immer mehr von Transleuten, müßte die Zahl dann nicht steigen? Nach Aussagen aller mit dieser Angelegenheit befassten Menschen (und ich meine wirklich, bis auf ganz wenige und nicht wirklich ernstzunehmende "Experten" (dazu unten mehr), alle mit dieser Angelegenheit befassten) tut sie das mindestens seit Anfang/Mitte der 1990er Jahre. Woher kommen also diese Zahlen, und wer hat ein Interesse daran, diese Zahlen so klein zu halten? Und wie viele sind wir denn nun?
Wer wird eigentlich gezählt?Eine gute Frage, denn so einfach ist die nicht zu beantworten. Transsexualität und Transgender, und wer diesen Begriff noch benutzt, Transidentität, sind nach den meisten Definitionen nicht dasselbe. Es gibt mittlerweile keine allgemein anerkannte und tragfähige Definition auch nur eines dieser Begriffe mehr. 1 Das ganze Transgender-Spektrum ist ja recht breit, und reicht von gelegentlichen Cross-Dressern, die ihre andersgeschlechtlichen Anteile zeitweise ausleben wollen, bis zu Menschen, welche die Geschlechtsrolle vollständig wechseln, und die sämtliche sozialen, medizinischen und juristischen Maßnahmen (letztere umfassen Vornamens- oder Personenstandsänderung) in Anspruch nehmen. Das ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme der Weltgesundheitsorganisation) macht es sich noch sehr einfach, und kennt nur "Transsexuell" (TS) und "Transvestiten" (Cross-Dresser, CD), und dazwischen gibt es einfach nichts. Was, gelinde gesagt, ja nicht ganz richtig ist. Jedoch haben lange Zeit, und teilweise ist es noch heute so, nur jene Menschen, die zumindest sagten, daß sie alle Maßnahmen wollten, und ihr Geschlecht im binären Sinne verstünden, überhaupt irgendwelche Maßnahmen erhalten. Und es wurden entsprechend auch nur diese Menschen irgendwo wenigstens ansatzweise gezählt. Diese Menschen wurden, mit Ausnahme derer, die intersexuelle Symptome aufwiesen, als transsexuell bezeichnet. Jedenfalls meistens – bei so manchem mit intersexuellen Symptomen wurde hingegen behauptet, selbige hätten nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun, und diese Menschen wären unabhängig voneinander sowohl intersexuell (IS) als auch transsexuell. Ich lasse das mal so stehen, obwohl es sicherlich einiges dazu zu sagen gäbe; es ist anhand der vorliegenden Daten ohnehin nicht möglich, jene mit IS-Symptomen aus denen herauszufischen, welche in TS-Statistiken auftauchen. (Mehr zum Thema IS finden sie hier.) In den meisten Publikationen aus dem medizinischen Bereich wird man als "transsexuell" eingestuft, sobald man bestimmte chirurgische Eingriffe hat oder anstrebt (genitalangleichene OP (GA) für Transfrauen, mindestens Mastektomie für Transmänner). Was man ist, wenn man zwar vollständig die Geschlechtsrolle wechselt, jedoch diese Eingriffe nicht will, darüber besteht schon keine Einigkeit mehr, weder unter Medizinern, noch unter Transmenschen. ("Transmenschen", "Transmann" und "Transfrau" umgehen dieses Problem.) Aus diesem Grunde befinden sich in diesem Text einige Male Anführungszeichen um das Wort "Transsexuell". In diesen Fällen ist zweifelhaft, ob diese Menschen, von denen die Rede ist, die verbreitetesten Definitionen von Transsexualität unbedingt erfüllen müssen, auch wenn viele es vermutlich tun. Für die bekannten Statistiken gezählt jedenfalls werden meistens jene Menschen, welche genau diese chirurgische Eingriffe machen lassen oder machen lassen wollen. Und das Ergebnis wird dann meistens als "die Anzahl der transsexuellen Menschen" verkauft. Das ist aber selbst dann unsinnig, wenn man solche Menschen tatsächlich grundsätzlich als transsexuell betrachtet. Denn, so der momentane Stand der Wissenschaft, falls eine abweichende Geschlechtsidentität nicht schon angeboren ist, ist sie jedenfalls bereits im Kleinkindalter manifest. Zwischen diesem Zeitpunkt und dem Zeitpunkt, wo der betreffende Transmensch einen chirurgischen Eingriff anstrebt, ist dieser Mensch aber ja nicht weniger trans. Dazu kommen jene, welche zwar vielleicht den Eingriff gerne hätten, ihn aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht konkret anstreben. Andere Krankheiten, die einen solchen Eingriff verbieten, etwa. Oder man fühlt sich zu alt dafür. Oder es ist einem dieses Ergebnis den Aufwand einfach nicht wert. Oder er ist für einen persönlich überflüssig, etwa weil man als Transmann so kleine Brüste hat, daß man damit auch ohne jeden Eingriff problemlos in die Sauna gehen kann. Und so weiter. Die Anzahl der Menschen, bei denen ein geschlechtsangleichender Eingriff durchgeführt wurde oder die ihn anstreben, ist also keineswegs gleichzusetzen mit der Anzahl derer, die transsexuell sind; erst recht nicht mit der Anzahl derer, welche die Geschlechtsrolle wechseln (wollen), auf die jedoch die meisten Definitionen von "transsexuell" nicht zutreffen. Aber diese Taktik hält natürlich die Zahlen schön klein. Nun sind jedoch in den letzten 10-15 Jahren auch ganz offen immer mehr Menschen aufgetaucht, welche zwar die Geschlechtsrolle vollständig wechseln wollen, sich jedoch entweder hinterher nicht als "ganz normaler Mann" bzw. "ganz normale Frau" verstehen, sondern als etwas anderes; die also ihr Geschlecht nicht in einem binären Rahmen verstehen. Und/oder sie wollen gar nicht das ganze Paket der Maßnahmen. Sozial, sicher. Juristisch, da ist eine Vornamensänderung schon praktisch, obwohl immer mehr der Ruf nach offiziell zugelassenen geschlechtsneutralen oder geschlechtsgemischten Vornamen aufkommt. Personenstandsänderungen, insbesondere mit den zurzeit geforderten Voraussetzungen, werden hingegen oft weder angestrebt noch gewünscht. Jedenfalls nicht, solange der Eintrag nur von A nach B geändert werden kann. Und medizinisch, da nimmt man halt, was man braucht, wenn man überhaupt etwas braucht, und läßt das, was man nicht braucht. Diese Menschen sind, versucht man eine Statistik über "Transsexuelle" zu machen, ein kleines Problem. Zählt man z.B. wie Lynn Conway in ihrem ersten Artikel nur jene, die eine genitalangleichende Operation haben, fallen davon etliche raus, weil sie keine wollen. (Transmänner lassen diesen Eingriff ohnehin eher selten machen, weil die Ergebnisse sie nicht zufriedenstellen, unabhängig davon, ob sie den Eingriff – gäbe es bessere Ergebnisse – gerne hätten, gäbe es bessere Ergebnisse.) Gleiches gilt für jede andere einzelne Maßnahme. Die andersgeschlechtliche Hormontherapie wäre vielleicht ein brauchbarer Ansatz, wenn auch nicht 100% präzise. Nur, die zählt niemand. (Es wird überhaupt sehr wenig gezählt, mehr dazu unten.) Die nahezu einzigen Zahlen, die erhältlich sind, zählen also
"Transsexuelle". Es ist aber nicht sicher, wie viele dieser
Gezählten tatsächlich der ja meist sehr engen Definition von
"transsexuell" entsprechen, und wie viele, um überhaupt
juristische oder medizinische Maßnahmen zu erhalten, nur behaupteten,
transsexuell zu sein. Hinreichend gesichert ist jedoch, daß viele
Menschen, insbesondere seit Mitte der 1990er Jahre, welche die Geschlechtsrolle
dauerhaft gewechselt haben, nicht mitgezählt wurden. Dies läßt
es sehr wahrscheinlich werden, daß die tatsächlichen Zahlen
noch um einiges höher sind als das, was wir hier anführen können.
Die dgti geht grundsätzlich von einem Verhältnis von 1:1 aus, und zwar aus folgenden Gründen: Betrachtet man über den gesamten Zeitraum Untersuchungen über das Verhältnis, fällt auf, daß sich dieses immer mehr auf 1:1 zubewegt: Frühe Zahlen geben etwa einen Transmann auf sechs Transfrauen an, dann werden es 1:4, dann 1:2,x, mittlerweile zeigen neuere Untersuchungen auch schon einmal 1:1,x. Man muß nicht Mathematik studiert haben, um zu sehen, wohin das führt. Bei vielen SHGs, Beratungsstellen usw. ist das Verhältnis bereits 1:1, einzelne berichten auch, es sei mittlerweile noch etwas höher. Seine Ursache hatte dieses ursprüngliche Mißverhältnis vermutlich darin, daß erstens zunächst die Medien, und auch Fachpublikationen, nahezu ausschließlich über Transfrauen berichteten, so daß viele Transmänner annahmen, für sie gäbe es nichts. Zweitens haben "Frauen" auch eine wesentlich größere Bandbreite sozialer Möglichkeiten, so daß ein Transmann sein Unbehagen in seiner Geschlechtsrolle oft länger und besser kompensieren konnte. Drittens jedoch beinhalteten einige dieser Rollen einen großen sozialen anti-männlichen Druck und eine enge Einbindung in diese soziale Rolle, dies war insbesondere in lesbischen und/oder feministischen Kreisen der Fall. Erst in den letzten Jahren war es überhaupt möglich, die Geschlechtsrolle zu wechseln und dennoch diesem alten Umfeld mindestens teilweise verbunden bleiben zu können, was entsprechend zu einer recht großen Anzahl von Geschlechtsrollenwechslern aus diesem Umfeld führte. Grade diese Menschen jedoch entsprechen sehr häufig gerade nicht dem Standard-Bild eines "transsexuellen Mannes".
Die ZahlenDie 7.000:Fangen wir mal bei den niedrigeren Zahlen an: Woher die "7000 Transsexuellen" kamen, wissen wir. Eine ganz einfache Rechnung: Mitte der 1990er wurde in einem Artikel über die ersten 10 Jahre Transsexuellengesetz gesagt, daß es 3500 Namens- und Personenstandsänderungen in diesen 10 Jahren (also von 1980-1990) gegeben hätte.2 Um die Jahrtausendwende rechnete also jemand ganz clever, daß es dann wohl mittlerweile um die 7000 gewesen sein müßten. Das alleine stimmte aber schon aus mehreren Gründen nicht:
Warum allerdings von den so lange genannten"7000 Transsexuellen" nochmals einige Tausende verloren gingen, das wissen wir auch beim besten Willen nicht. Zum Vergleich mit den untenstehenden Rechnungen, 7000 Transsexuelle entsprechen einer Gesamtprävalenz von 0,08:100.000 oder 1:117.000.
Doch ein paar mehr?Aber könnte es vielleicht doch noch ein paar mehr als die 2000-7000 Transmenschen in Deutschland geben? Doch, ja, ein paar mehr liegen nahe. Nach den vorliegenden Zahlen etwa das 10-fache, um genau zu sein, und das ist nur die (Mindest-)Anzahl derer, welche vollständig die Rolle wechseln und operative Eingriffe in Anspruch nehmen (wollen). Ein Wort zu den Begrifflichkeiten: Inzidenz beschreibt das Auftreten eines Phänomens in einem bestimmten Zeitraum, also etwa die Anzahl der genitalangleichenden Operationen oder der Anträge auf TSG-Verfahren pro Jahr. Prävalenz beschreibt die Anzahl der Menschen, auf die ein bestimmtes Phänomen zutrifft im Verhältnis zur relevanten Bevölkerungszahl. Eine Inzidenz etwa von 490 "Umwandlungsanträgen" (siehe unten) ergibt eine Gesamtprävalenz von 45:100.000 oder etwa 20.000 Menschen zwischen 18 und 65, welche solche Anträge gestellt haben oder vermutlich stellen werden. Sehr genau geht Lynn Conway auf die damit zusammenhängenden Fragen und Berechnungen in ihrem Artikel von 2007 ein.
|
1991 |
1992 |
1993 |
1994 |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
265 |
311 |
389 |
435 |
400 |
457 |
447 |
507 |
541 |
722 |
Ganz sicher, daß die Zahlen 100%ig stimmen, sind wir uns nicht, denn es erscheint seltsam, daß, obwohl bis 1994 nur die Zahlen der alten Bundesländer, und ab 1995 die Zahlen der gesamten Bundesrepublik vorliegen, die Zahlen 1995 niedriger sind als jene von 1994. Vergleiche auch die Aussage einiger Richter, bei ihnen würden TSG-Fälle nicht gezählt.
Weiterhin ergibt sich das Problem, daß nicht nach Verfahren nach §1 und §8 getrennt wird, und da es verschiedene Möglichkeiten gibt, diese zu kombinieren (oder auch nicht), ist es schwer, die Zahl der Antragsteller abzuschätzen. (Also etwa zwei Anträge, einer nach §1, einer nach §8. Oder ein Antrag auf §1 mit Vorabentscheid nach §8. Oder gleich ein Antrag nach §8, ohne jemals §1 beantragt zu haben. Oder es wurde nie ein Antrag nach §8 gestellt, etwa weil die entsprechenden medizinischen Maßnahmen nicht durchgeführt wurden, oder eine existierende Ehe erhalten werden sollte.)
Versuchen wir dennoch, diese Zahlen einmal auf die Gesamtprävalenz umzurechen, und schätzen wir dazu, daß etwa die Hälfte der Antragssteller zwei getrennte Anträge stellen, während die andere Hälfte nur einen Antrag stellt. Dann müßten wir jeweils 75% der angegebenen Zahlen nehmen. Nehmen wir ebenfalls nur die Zahlen nach 1994, also die Zahlen, welche die gesamte Bundesrepublik abdecken. Als relevante Bevölkerungsgruppe mögen deutsche Staatsbürger gelten zwischen 18 und 70. Anträge von Jüngeren waren zwar zu dieser Zeit möglich, aber mehr als selten, ebenso wie bis heute Anträge von über-70-jährigen. Wir rechnen mit einem Ausländeranteil von konstant 10%.
Damit ergeben sich für die Jahre 1995-2000 3074 Anträge und damit 2305 Antragssteller oder durchschnittlich 384 pro Jahr. Die relevante Bevölkerungsgruppe würde durchschnittlich 58 Millionen zählen. Das ist also eine Jahresinszidenz von 0,66:100.000 oder eine Gesamtprävalenz von 38:100.000 bzw. 1:2600. Das ergäbe auf die Bevölkerungszahl von etwa 82 Millionen umgerechnet 31.000 "transsexuelle" Menschen in Deutschland.
Wie viele andere mit dem Thema Befasste auch, hat die dgti (bzw. haben ihre Mitglieder) seit Anfang/Mitte der 1990er Jahre einen merklichen Anstieg der Fallzahlen festgestellt. Zwar sind die folgenden Zahlen der in den Jahren 2001 bis 2007 ausgestellten dgti-Ausweise nicht sehr aussagekräftig, was die absoluten Zahlen von Transmenschen angeht, sie zeigen aber den Trend. Zwar existiert der Ergänzungsausweis bereits seit 1998, aber man muß wohl davon ausgehen, daß auch ein derartig nützliches Papier eine gewisse Zeit brauchte, um bekannt zu werden.
2002 |
2003 |
2004 |
2005 |
2006 |
2007 |
2008 |
|
109 |
119 |
134 |
140 |
136 |
153 |
86 |
bis Juli, zu erwarten sind also
etwa 170 |
Aus den beiden Zahlenreihen der Gerichtsverfahren und den Zahlen der von der dgti ausgestellten Ergänzungsausweise (auch wenn beide Datensätze ansonsten kaum vergleichbar sind) ergibt sich etwas sehr deutlich: Nämlich eine kontinuierliche Steigerung der Fallzahlen. Die Anzahl der TSG-Verfahren ist in den Jahren 1991-2000 jährlich um 12,4% gestiegen, in den (gesamtdeutschen) Jahren 1995-2000 um 13,1%. Die Anzahl der ausgestellten Ergänzungsausweise ist in den Jahren 2002-2008 durchschnittlich um 7,8% gestiegen. Dies dürfte sowohl auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß Trans gesellschaftlich akzeptierter wird, als auch auf die Tatsache, daß sämtliche Verfahren, ob medizinisch oder juristisch, immer mehr jenen zugänglich sind, welche nicht der Standard-Definition von Transsexualität entsprechen — wenn auch häufig nur mit Kniffen und Tricks.
Entsprechend muß man davon ausgehen, daß die Gesamtzahlen, die sich aus älteren Untersuchungen ergeben, zu niedrig sind und daß man halbwegs korrekte Zahlen erst dann bekommen können wird, wenn sich die Zahlen einpendeln. Rechnet man etwa mit einer Steigerung der Fallzahlen von jährlich 10%, was realistisch scheint, müßte man davon ausgehen, daß etwa die P29b-Zahlen von 2000 heute um mindestens 80% höher wären, es wären also nicht mehr 45:100.000 (oder etwa 1:2300) und damit 36.000 Menschen, die in ihrem Leben "Umwandlungsanträge" stellen würden, sondern 80:100.000, oder etwa 1:1250, und damit etwa 66.000 Personen, die das tun, getan haben, oder tun werden.
Und wir haben jedenfalls nicht den Eindruck, daß die Zahlen sich langsam einpendeln. Insofern könnte sich durchaus noch ergeben, daß bereits in den frühen 1990er Jahren Cornelia Klein vom Transidentitas e.V. keineswegs so übertrieb, wie es damals viele behaupteten (und viele heute noch behaupten), als sie von "vielleicht 100.000 Transidenten in Deutschland" sprach.
Es handelt sich jeweils um Mindestzahlen "transsexueller" Menschen in Deutschland, bzw. bei den Conway-Zahlen um Zahlen aus den USA und diversen Studien aus diversen Ländern.
| Quelle | Gezählt wurden | im Zeitraum | Anteil T | Gesamtzahl T |
| unbekannt | "Transsexuelle in Deutschland" | bis 2000 ? | 1:117000 | 7000 |
| Conway 2001 | Durchgeführte GA-Operationen Transfrauen USA | bis 2001 | 1:2500 | 33.000 |
| Conway 2007 | Diverse aufbereitete Statistiken | 1980er - 2006 | 1:1000 - 1:2000 | 82.000 - 41.000 |
| P29b | "Umwandlungsanträge" | vermutlich 2000 | 1:2300 | 36.000 |
| TSG-Verfahren | TSG-Verfahren | 1995-2000 | 1:2600 | 31.000 |
| P29b | mit oben beschriebener Steigerung | heute, geschätzt | 1:1250 | 66.000 |
| TSG-Verfahren | mit oben beschriebener Steigerung | heute, geschätzt | 1:1400 | 58.000 |
Folgende Zahlen kamen auf gänzlich anderem Wege zustande (und sind deswegen getrennt aufgeführt): Es wurde in den Niederlanden eine allgemeine Umfrage mit 4170 TeilnehmerInnen zur sexuellen Gesundheit gemacht, in der die TeilnehmerInnen auch nach ihrem Geschlechtsempfinden gefragt wurden. Es handelt sich also nicht um Menschen, die sich in irgendeiner Form selber Hilfe gesucht hatten, wie in den obigen Zahlen. Dabei ergaben sich Werte, die nochmals wesentlich höher sind alles alle hier genannten. 6
0,5% der Bevölkerung fühlen sich nach dieser Studie nicht ihrem Geburtsgeschlecht, sondern dem anderen Geschlecht zugehörig. Das sind 1:200, also nochmals das fünf- bis zehnfache der oben errechneten Zahlen. Weitere 5% der Bevölkerung haben eine "ambivalente Geschlechtsidentität, sie fühlen sich mindestens ebenso dem anderen Geschlecht zugehörig wie dem eigenen", das ist eine/r von 20!
Die Zahlen für Männer und Frauen sind dabei nahezu gleich, für beide werden die 0,5% angegeben, für die "ambivalente Geschlechtsidentität" 5,1% der Männer (Geburtsgeschlecht) und 5,0% der Frauen (Geburtsgeschlecht).
In einem anderen Artikel in der gleichen Publikation 7 geht es um das Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts zum Zwecke sexueller Erregung, hier wird angegeben, daß dies 3,3% der Männer und 0,2% der Frauen gelegentlich oder oft tun. Dabei wurde kein Zusammenhang zwischen dieser Paraphilie und einer ambivalenten Geschlechtsidentität festgestellt. Damit folgt diese üblicherweise als "transvestitischer Fetischismus" bezeichnete Paraphilie im Gegensatz zu Variationen der Geschlechtsidentität auch dem üblichen Muster der Geschlechtsverteilung bei Paraphilien, daß nämlich Paraphilien im Schnitt bei Männern wesentlich häufiger sind als bei Frauen.
Warum ist es eigentlich so schwierig, an Zahlen heranzukommen? Ganz einfach,
weil kaum einer zählt. Warum kaum jemand zählt, steht –
vielleicht – weiter unten. Das Faktum ist aber leider unbestreitbar.
Ausnahme hier sind Privatkliniken im Ausland, die zählen, denn sie
brauchen die Zahlen für ihre Werbung. "Bei uns wurde dieser
Eingriff schon so und so oft gemacht!" ist ein gutes Werbeargument,
und diese Kliniken umwerben Transmenschen auch recht offen. Auf diesen
Zahlen beruht Conways erster Aufsatz. Weiterhin scheinen die MDKs zumindest
teilweise die Anträge für geschlechtsangleichende Operationen
zu zählen, von denen zumindest einige einmal Zahlen veröffentlichten,
siehe unter P29b. Für die Jahre 1991-2000 wurden weiterhin Zahlen
für TSG-Verfahren genannt. Das war's aber auch schon.
Zumindest in Deutschland werden nicht gezählt:
Ob TSG-Verfahren nun gezählt werden oder nicht, und wenn ja, wie genau, ist uns immer noch etwas fraglich. Dieselbe Bundesregierung, die auf Anfragen auch schon antwortete, daß keine Zahlen vorliegen, gibt in der oben aufgeführten Antwort auf die Kleine Anfrage Zahlen an. Einzelne Richter jedenfalls haben ebenfalls schon gesagt, daß bei ihnen am Gericht nicht gezählt würde, und zwar auch explizit den Zeitraum betreffend, für den die damalige Bundesregierung Zahlen angab. Andererseits weichen die Zahlen nicht allzusehr von den anderen Zahlen ab, so daß es immerhin möglich ist, daß diese Zahlen tatsächlich von den Gerichten stammen und so an die Bundesregierung weitergegeben wurden. In diesem Falle, und falls auch später noch gezählt wurde, würden wir uns um eine Veröffentlichung dieser Zahlen sehr freuen.
Warum werden die Zahlen dann oft so niedrig angegeben? Man findet diese Zahlen ja nicht nur in der Boulevardpresse, sondern auch in ansonsten gut recherchierten Artikeln. Man findet sie sogar in wissenschaftlichen Veröffentlichungen und auch in politischen. Sollten etwa manche Menschen ein Interesse daran haben, die Zahlen möglichst klein zu halten? Und wenn ja, wer?
Aber zunächst eins, weil irgendwer es anbringen wird: Natürlich sind wir als Lobbyorganisation umgekehrt durchaus daran interessiert, daß die Zahlen etwas höher angesetzt werden, nämlich in einer realistischen Höhe. Das hat aber wenig damit zu tun, daß es irgendwie mehr Spaß machen würde, viele Menschen zu vertreten statt weniger, oder daß es einen irgendwie wichtiger macht; Rechte, seien es soziale, juristische, oder das auf medizinische Behandlung, hat jeder, der sie braucht, egal wie viele Menschen die noch benötigen. Nur machen künstlich kleingehaltene Zahlen in vielen Bereichen die Arbeit nicht eben einfacher ("Och, für die paar Leute, was sollen wir uns da aus dem Fenster lehnen?" oder "Das sind doch nur ein paar Exoten, und ich kann mich ja nicht mit allem, was es irgendwo mal gibt, auseinandersetzen!"), sondern es ist daneben auch ausgesprochen frustrierend, wenn 9 von 10 Menschen, für die und mit denen man arbeitet (und meist ja auch dazuzählt) einfach die Existenz abgesprochen wird. Aber das nur am Rande.
Kleine Fallzahlen jedenfalls bevorzugen:
(Diese Ausführungen betreffen ausdrücklich nicht alle mit dem Thema befassten Mediziner, Therapeuten, Sexualwissenschaftler und andere!)
Diese Kreise haben zwei Gründe, die Zahlen möglichst klein
zu halten: Der eine ist Narrenfreiheit, der andere Geld. Mit hinein spielen
auch institutionelle Machtspiele. Das alles bekommt man aber nur, wenn
man sicherstellt, daß die Öffentlichkeit, und alles, was als
Kontrollinstanz funktionieren könnte, zwei Dinge (falsch) verstehen:
Erstens sind das ja nur "ein paar Leute", und weder Öffentlichkeit
noch Kontrollinstanzen können sich ja um jedes kleine Grüppchen
kümmern. Und zweitens, ganz wichtig, man muß sicherstellen,
daß diese Gruppe als "sowieso bekloppt" gilt. Denn wenn
sich dann doch mal jemand beschwert, nun ja, dann sind es halt Bekloppte,
die da brüllen und sich wichtig machen. Würde man anerkennen,
daß dieses "Grüppchen" so klein nicht ist, und keineswegs,
von Trans abgesehen, in irgend einer Weise psychisch gestörter als
der Rest der Bevölkerung 8
(so man Trans überhaupt als psychische Störung betrachtet),
wäre nicht davon auszugehen, daß diese Gruppe ihre Machenschaften
noch lange fortsetzen könnte.
Nennen wir es mal Narrenfreiheit hier. Nicht selten wird das auch "Die Freiheit, seine sadistischen Triebe auszuleben" genannt, insbesondere von vielen von solchen Gutachtern Begutachteten. Ganz falsch scheint das leider nicht.
Ein Gutachter befindet sich immer dem zu Begutachtenden gegenüber in einer deutlichen Machtposition; verweigert er ein positives Gutachten, rücken TSG-Entscheidung oder Operation erst einmal in weite Ferne. Zwar kann gegen solche Gutachten vorgegangen werden (und theoretisch können Gericht und Krankenkasse es ohnehin ignorieren; das ist aber leider äußerst selten). Das wiederum aber verzögert die Entscheidungsfindung oft noch mehr, als es eine Zweit-, Dritt- oder Viertbegutachtung oder ein Neuantrag tun würden, und ist auch nicht weniger stressig. Nun nutzen natürlich nur wenige Gutachter diese Position aus; aber wenn das jemand tut, ist das immer äußerst unerfreulich.
Beispiel: Sexbesessenheit im Osten
Daß sich Sexualwissenschaftler für Sexualität interessieren,
ist ja im Prinzip verständlich. Und Sexualwissenschaftler gelten
nunmal (auch) als zuständig für Transmenschen. Daß da
mancher nicht aus seiner Haut heraus kann (oder will) und bei Gutachten
nach sexuellen Vorlieben oder Handlungen fragt, nun, auch das mag noch
verständlich sein; obgleich sich eigentlich herumgesprochen haben
sollte, daß beides meist nur sehr wenig mit Trans zu tun hat. Wenn
aber Gutachten zur Vornamensänderung, die über 30 Seiten gehen,
auf 28 Seiten ausführlich auf alles eingehen, was die beantragende
Transfrau, im Gutachten übrigens durchgängig als "Herr
Sowieso" bezeichnet, jemals im Bett gemacht hat oder im Bett zu machen
beabsichtigt, und das ausführlich und teilweise moralisierend kommentiert;
während die Frage, wie diese Transfrau denn den Rest ihres Lebens
außerhalb des Bettes verbringt als Frau in zwei knappen Absätzen
abgehandelt wird, dann ist das eindeutig nicht mehr verständlich.
Sinnvoll ist es schon gar nicht.
Entkommen kann man diesen Fragen nicht – wer solche Fragen nicht zur Zufriedenheit dieses Gutachters beantwortet, weigert sich laut ihm, kooperativ zu sein. Und wer nicht kooperativ ist, bekommt auch kein Gutachten. Und diesen Gutachter abzulehnen, entweder bei Gericht oder beim MDK, ist gar nicht so einfach.
Beispiel: Freiheitsberaubung im Süden
Wer seine Rechte nicht genau kennt, und bei einem bestimmten Gutachter
in Süddeutschland landet, der bekommt erst einmal erklärt, daß
ein Gutachten nur erstellbar ist, wenn man sich zur Beobachtung für
einige Wochen in stationäre Behandlung in eine psychiatrischen Institution
begibt. Dabei wird einem eine ganz bestimmte Einrichtung nahegelegt, die
von einem Spezi dieses Gutachters geleitet wird. Natürlich wird man
dort, läßt man sich darauf ein, im Ursprungsgeschlecht eingewiesen
und entsprechend behandelt. Weiterhin wird man dort während Aufenthaltes
unter Druck gesetzt, "diesen Unsinn" doch aufzugeben und einzusehen,
daß man aber doch "ein Mann" bzw. "eine Frau"
sei. Irgendeine sinnvolle Arbeit mit dem Patienten gibt es dort nach den
Aussagen derer, die sich darauf eingelassen haben, übrigens keine.
Daß dort jemand von seinen Umstiegswünschen "geheilt"
worden wäre, hat man noch nicht gehört.
Dieser Gutachter ist übrigens sehr wohl in der Lage, Gutachten ohne diesen stationären Aufenthalt zu verfassen; er tut das immer dann, wenn seine zu Begutachtenden bereits wissen, daß der stationäre Aufenthalt völliger Unsinn wäre.
Die Kosten für den Aufenthalt übersteigen übrigens die meisten Kosten für geschlechtsangleichende Operationen bei weitem; soviel zum Thema "Kosten sparen", was eigentlich die Aufgabe des MDKs ist. Die Krankenkasse, wenn es sich um ein Gutachten für eine Operation handelt, zahlt also nicht nur die Operation letztendlich doch, sondern auch noch einige Tausend Euro für den stationären Aufenthalt. (Ein Monat kostet etwa ab 3000 Euro aufwärts, 2-3 Monate Aufenthalt "für die Begutachtung" sind keine Seltenheit.) Die Kassen dürfen den Aufenthalt auch dann zahlen, wenn TSG-Gutachten erstellt werden sollen, mit denen die Kasse eigentlich überhaupt nichts zu tun haben. Hinzu kommen natürlich die Kosten für den Gutachter. Was uns zum nächsten Motiv bringt.
Dafür, daß es "so wenige" Transmenschen gibt, verdienen einige Leute ganz gut an ihnen. Natürlich mißgönnt niemand einem Arzt oder Krankenhaus das Honorar für medizinische Maßnahmen, und auch Gutachter sollen ja nicht umsonst arbeiten. (Obwohl man zumindest den Sinn der Gutachten für die juristischen Maßnahmen stark bezweifeln kann; und die Begutachtungspraxis für die medizinischen Maßnahmen, welcher sich ja prinzipiell auch viele andere Menschen unterziehen müssen für andere Behandlungen, in vielen Trans-Fällen häufig noch problematischer sind als für andere medizinischen Behandlungen.)
Aber es ist jedenfalls schon auffällig, daß gerade jene Gutachter, die, gelinde gesagt, als schwierig gelten, auch oft die höchsten Rechnungen schreiben. Und das meistens mit einem Gegenwert, der, sagen wir mal so, eher überschaubar ist.
Eine Beispielrechnung: Jemand ist ordentlicher Professor an einer medizinischen oder sexualwissenschaftlichen Fakultät mit etwa einem Grundgehalt von West 4.006,73 Euro, Ost: 3598,28 Euro (Besoldungsgruppe W2) bis West 4.865,32 Euro, Ost: 4369,34 Euro (W3); das sind die Standard-Besoldungsgruppen für ordentliche Professoren. Dazu kommen noch fünf Gutachtenaufträge für Transmenschen (entweder TSG oder MDK) im Monat (was eher niedrig angesetzt ist). (Und natürlich auch andere Gutachten, die in das Fachgebiet dieses selbstverständlich rein hypothetischen Professors fallen.) Jeder davon bringt nochmals mindestens 1000 Euro, gerne auch mehr; 1000-1800 Euro werden oft genannt. (Andere Gutachter, die ihre Position nicht ausnutzen, machen das meist wesentlich billiger, mit etwa 500-800 Euro kann man hier rechnen, aber es gibt auch billigere.) Praktisch, wenn man sich so nach der Decke strecken muß, daß man wenigstens Studenten hat, die einem lästige Tests der zu Begutachtenden abnehmen, und eine von der Universität bezahlte Sekretärin, die einem die Gutachten abtippt. Ja, selbst das Papier und das Porto werden von der Universität zur Verfügung gestellt.
Für so ein Einkommen muß eine alte Frau lange stricken. Aber da kommt wenigstens etwas Vernünftiges dabei raus.
Nach all den anstrengenden Fragen und dem anstrengenden Rechnungen schreiben haben solche "Experten" immerhin eines von ihrer vielen, wichtigen Arbeit: Sie gelten, auch weil sie das jedem, der es hören will (oder nicht), erzählen, als Experten für dieses Thema. Das ist doch schön. Also, für sie. Und damit das so bleibt mit den interessanten Gesprächen, den dicken Rechnungen und dem als Experte gelten, versucht genau diese Gruppe seit Jahren, die Behandlung und Begutachtung aller Transmenschen in Deutschland in drei "Kompetenzzentren" verlegen zu lassen. Kein anderer Arzt soll in Deutschland dann noch Transmenschen behandeln oder begutachten dürfen, was übrigens eine einmalige Konstruktion wäre, die es für kein anderes medizinisch zu behandelndes oder juristisch zu begutachtendes Phänomen gibt.
Das sichert nicht nur Pfründe, und würde diese auch stark erweitern, weil die lästige Gutachter-Konkurrenz wegfallen würde. Nein, das würde auch sicherstellen, daß Transmenschen, diesmal von den einzig zuständigen "Kompetenzzentren" bestätigt, weiterhin als so "bekloppt" dargestellt werden können, wie das gerade praktisch ist. (Genau das passiert anderswo, wo sich ein solches "Kompetenzzentrum" den vollständigen Zugang zu kassenfinanzierten Behandlungen etwa in einem Teil Kanadas gesichert hat; auch in anderen Ländern gab es Vergleichbares.) Denn wenn erstmal drei Kompetenzzentren ihre gemeinsame Meinung veröffentlichen (etwa die, und das ist jetzt kein Scherz, daß lesbische Transfrauen alle und immer alt und hässlich und ohnehin eigentlich nur perverse Männer sind), wie könnten dann noch die verbleibenden Einzelkämpfer von anderen Institutionen dagegen ankämpfen?
Hätte man solche Pfründesicherungszentren, hätte man ja auch die Hoheit über die Daten -- wenn da jeder Transmensch durch muß, müssen die ja auch gute Statistiken haben, richtig? Falsch, denn seit 40 Jahre wissen Transmenschen genau, was dieser oder jener Gutachter oder Behandler hören möchte, und erzählen im Notfall nicht die Wahrheit, sondern das, was diese hören wollen; insbesondere dann, wenn ein Gutachter oder Behandler dafür bekannt ist, ansonsten Gutachten oder Behandlung zu verweigern, wie eben die Mitglieder dieser Gruppe. Diese könnten sich ihre Statistiken genauso gut selber schreiben, was sie indirekt dann auch tun würden. Für ein krasses, aber keineswegs überraschendes Beispiel, siehe etwa die Bailey-Kontroverse in den USA.
Entsprechend verlautet aus diesen Kreisen nicht nur maximal die Zahl
von 7000, nein, es wird auch gerne die Angabe der Pauli-Statistik von
1968 aus den USA zitiert, nämlich 1:100.000, und zwar soll dies die
Gesamtprävalenz sein, nicht die Jahresinzidenz (s.o.). Das ist aber
selbst von den uralten Statistiken diejenige, welche die geringste Anzahl
angibt. (Eine schwedische Statistik von 1967 gibt eine Zahl von 1:54.000
an, eine englische von 1974 1:53.000. Warum die Pauli-Statistik genauer
sein soll, gute Frage. Warum eine 40 Jahre alte Statistik überhaupt
noch relevant sein soll, auch eine gute Frage.) Alternativ kann man, um
auf die etwa gleiche Zahl zu kommen, auch die Jahresinzidenz von OPs als
Gesamtprävalenz "aller Transsexuellen" ausgeben.
Wenn man nicht nachrechnet, klingt das nach äußerst wenig,
da kann man die "Experten" ja ruhig machen lassen. Rechnet man
nach, klingt das immer noch nach sehr wenig, das wären nämlich
gerade 800 in Deutschland. Nur, in absoluten Zahlen ist eine Zahl in derartiger
Höhe seit den 1970ern nicht mehr publiziert worden, weil damals schon
ganz offensichtlich war, daß die zu niedrig ist. Aber wissenschaftlich
klingende 1:100.000 kann man ja mal probieren.
Die Politik hätte auch gerne möglichst wenig Transmenschen in Deutschland. Warum? Ganz einfach, wenn es so um die 7000 bleibt, braucht man sich "um die paar Leute" nicht zu kümmern, man ist ja bereits hinreichend ausgelastet. Bei 70.000 sähe das schon ein wenig anders aus, da müßte man vielleicht doch mal so langsam anfangen, etwas zu tun, von 160.000 ganz zu schweigen. Und Reformbemühungen des TSGs gibt es seit Ende der 1990er einige, die allesamt geflissentlich ignoriert werden, ebenso wie Verfassungsgerichtsurteile, die von einigen Paragraphen des TSGs nicht mehr viel übrig gelassen haben, und in denen recht deutlich angedeutet wurde, daß das BVerG auch gerne bereit ist, so passende Fälle vorliegen, noch einige weitere Vorschriften des TSG zu kippen. Aber ein paar tausend Leute, die müssen das halt über die Gerichte hinbekommen. Unsere Gesetzgeber sind zu beschäftigt.
Auch die Medien haben ein gewisses Interesse, die Zahlen eher klein
zu halten. Nicht aus Böswilligkeit, im Gegenteil, mittlerweile sind
sogar in nicht unbedingt als liberal bekannten Boulevard-Publikationen
recht sympathische Berichte zu finden zum Thema. Aber zum einen erspart
das Abschreiben alter Zahlen aufwendige Recherchen, und zum anderen –
nun ja, da wäre das Exotische einfach nicht mehr so exotisch. Und
damit nicht mehr so Auflage-/Zuschauerzahlen-steigernd.
Wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht noch an alte Berichte über
Homosexuelle: Wie Hans-Herbert sich Nippes in die Wohnung stellt und abends
sorgfältig gekleidet in einschlägige Kneipen geht. Hans-Herbert
stellt sich immer noch genauso Nippes in die Wohnung (oder auch nicht)
und geht noch genauso abends weg. Nur interessiert das keinen mehr, weil
mittlerweile jeder mitbekommen hat, daß er einen Hans-Herbert mit
ziemlicher Sicherheit in der Nachbarschaft hat.
Und damit das so schnell bei den Transmenschen nicht passiert, halten
wir halt die Zahlen klein, damit der Exotenbonus erhalten bleibt.
Lynn Conway berichtet in einem Update ihres 2001er-Artikels, daß sie die frühesten, und sehr heftige Reaktionen auf diesen Artikel bekam von — (einigen!) anderen Transfrauen. Welche vehement protestierten gegen diese neuen Zahlen. Warum? Lynn führt zwei Gründe an, und meiner Erfahrung nach ist hier nichts anders zu erwarten:
Worauf diese Reaktion einiger weniger beruht, darüber kann man natürlich letztendlich nur spekulieren. Von einem souveränen Umgang mit der eigenen Geschlechtsidentität spricht es jedenfalls eher nicht. Hier führe ich es auch nur auf, weil ähnliche Reaktionen – leider – zu erwarten sind.
Auch "die Öffentlichkeit" legt nicht unbedingt Wert auf allzu hohe Zahlen. Als Exoten, die man, je nach persönlicher Vorliebe, entweder gefahrlos diskriminieren kann, oder denen man großzügigerweise tolerant gegenüberstehen kann, kann man ja noch mit ihnen leben. Aber im näheren Umfeld, oder gar in der eigenen Familie, möchte man "sowas" lieber nicht haben; näherer Umgang mit Transmenschen führt immer zu so unangenehmen Fragen, wie der, was es eigentlich ausmacht, ein Mann oder eine Frau (oder etwas anders) zu sein. 7000 von 80 Millionen, das ist auszuhalten. 70.000 oder mehr von 80 Millionen, das bringt es zu nahe an einen selber heran.
Man muß wohl davon ausgehen, daß wir in Deutschland mindestens auf einen Anteil von 1:1000 kommen an Menschen, welche vollständig die Geschlechtsrolle wechseln, und über die Hormone hinaus medizinische Maßnahmen benötigen. (Zusätzlich natürlich so gut wie immer auch juristische Maßnahmen.) Dazu kommen vermutlich zur Zeit (das ist eine reine Schätzung aus der momentanen Erfahrung heraus) nochmals mindestens die Hälfte bis noch einmal dieser Anzahl an Menschen, welche mit Hormonen und einem sozialen Wechsel zufrieden sind. Dabei ist es durchaus möglich, daß diese Zahl um einiges höher liegt, da weder die klassische Trans-Selbsthilfe noch neuere Gruppen wie die Drag Kings diese Menschen alle erreichen, und ihre Anzahl deswegen nur schlecht abzuschätzen ist. Auch hier würden oft, wenn sie denn erreichbar wären, juristische Maßnahmen benötigt. Und zu diesen Menschen kommen noch jene hinzu, welche sich nur zeitweise und/oder teilweise in der Rolle des anderen Geschlechts bewegen, zeit-/teilweise aber auch die alte beibehalten. Auch hier gibt es Menschen, welche zumindest Hormone einnehmen, gelegentlich auch operative Eingriffe benötigen. Das ist mindestens nochmals die gleiche Zahl. Was an juristischen Maßnahmen notwendig wäre, ist hier äußerst unterschiedlich, aber nicht immer "keine".
Wenn Sie also das nächste Mal auf einen Artikel stoßen, der als Anzahl der Transmenschen in Deutschland 2-, 3-, 4-, 5-, 6- oder 7000 angibt, wissen sie immerhin eines: Der Artikel ist schlecht recherchiert, und vermutlich ist der Rest davon auch mit ein paar Körnchen Salz zu genießen. Machen sie einen Teelöffel Salz daraus, wenn das Wort "Geschlechtsumwandlung" vorkommt. (Geschlechtsangleichende Operation ist viel besser und richtiger.) Und wenn am Ende des Artikels ein vermeintlicher Experte auftriumphiert: "Aber genetisch bleiben es doch Männer/Frauen!!!", dann kann man meist nur noch bedauern, daß das Papier zu hart für das einzige ist, wofür man diesen Artikel sinnvollerweise gebrauchen könnte.
1. Kurz gesagt, denn das Thema kann hier nicht einmal ansatzweise in seiner ganzen Breite dargestellt werden, hatte nur Transsexualität einmal eine fest umrissene und halbwegs unumstrittene Definition. Und selbst diese haben sich viele interessierte Personen und Gruppen, sowohl die Transleute selber als auch die Behandler und Wissenschaftler, über die Jahre zurechtgebogen, wie es gerade gebraucht wurde. Das führte eben dazu, daß es keine allgemein anerkannte und/oder tragfähige Definition mehr gibt. Dazu mehr in einem anderen Artikel, der demnächst hier erscheinen wird.
Hier in diesem Artikel kann man in etwa von folgenden Definitionen ausgehen; diese Aufzählung ist nicht als Wertung der Definitionen zu betrachten:
2. Wobei der einzige uns bekannte Artikel (Weitze C., M.D., Osburg S., M.D. (1997) Empirical Data on Epidemiology and Application of the German Transsexuals' Act During Its First Ten Years . IJT 2,1, http://www.symposion.com/ijt/ijtc0303.htm) niedrigere Zahlen nennt, nämlich 1422. Dennoch wurde bis etwa zur Jahrtausendwende die damals geläufige Zahl 3.500, und später die 7.000, mit genau diesen ersten 10 Jahren TSG begründet.
3. Lynn Conway, How Frequently Does Transsexualism Occur? 2001, Deutsch Wie häufig tritt Transsexualität auf?
4. Olyslager, F. and Conway, L., On the Calculation of the Prevalence of Transsexualism, presented at the WPATH 20th International Symposium, Chicago, Illinois, September 6, 2007,
5. Bevölkerungszahlen laut Link
6. Nach: Kuyper, L. (2006). Seksualiteit en seksuele gezondheid bij homo- en biseksuelen [Sexuality and sexual health among homo- and bisexuals]. In F. Bakker & I. Vanwesenbeeck (Eds.), Seksuele gezondheid in Nederland 2006 [Sexual health in the Netherlands 2006] (pp. 167-188). Delft: Eburon.
Siehe auch unter Anmerkung 7
7. Nach: Graaf, H. de, & Vanwesenbeeck, I.. (2006). Controversiële verlangens. [Controversal longing.] In F. Bakker & I. Vanwesenbeeck (Eds.), Seksuele gezondheid in Nederland 2006 [Sexual health in the Netherlands 2006] (pp. 47-65). Delft: Eburon.
Vollständige Englische Übersetzung der entsprechenden Absätze, mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers:
TransGender Europe Network and Council
Bakker, F., & Vanwesenbeeck, I. (eds) (2006). Seksuele gezondheid in Nederland 2006 [Sexual Health in the Netherlands 2006]. Delft: Eburon.
Translation of parts relevant for gender identity/gender expression issues
(translation by Justus Eisfeld, TransGender Europe)Ambivalent Gender Identity
From: Kuyper, L. (2006). Seksualiteit en seksuele gezondheid bij homo- en biseksuelen Sexuality and sexual health among homo- and bisexuals]. In F. Bakker & I. Vanwesenbeeck (Eds.), Seksuele gezondheid in Nederland 2006 [Sexual health in the Netherlands 2006] (pp. 167-188). Delft: Eburon.Both men and women were asked in how far they experience themselves to be men and women psychologically. If people experienced themselves to be significantly more the other than their own sex we call this an opposite gender identity. 0.5% of both men and women experience this. We estimate this to be 16,300 to 49,000 men and 16,000 to 48,000 women in the age range 19 to 69 years. For heterosexuals and lesbians/gays/bisexuals the percentages are respectively 0.3% and 1.7% (a difference that we were unable to verify due to the small amounts). Additionally 5.1% of the men and 5.0% of the women don't have an opposite gender identity, but have one that is at least ambivalent: they score at least equally high for experiencing themselves psychologically to be the other as well as their own sex. Converted to the Dutch population of 19-69 year-olds this is the case for an estimated between 229,000 and 332,000 men and 219,000 and 321,000 women. Due to the lack of proper validity we are unable to verify whether the opposite or ambivalent gender identity is of a genderdysphoric nature.
Paraphilia
From: Graaf, H. de, & Vanwesenbeeck, I.. (2006). Controversiële verlangens. [Controversal longing.] In F. Bakker & I. Vanwesenbeeck (Eds.), Seksuele gezondheid in Nederland 2006 [Sexual health in the Netherlands 2006] (pp. 47-65). Delft: Eburon.[…] To conclude 3.3% of the men (n=69) and 0.2% of the women (n=6) long to dress as the opposite sex, because this is sexually exciting for them. The major part of these men (2.8% of the sample, n=61) and women (0.1%, n=4) dresses in travesty once in a while, almost a quart (very) often. We could not find a relation between the desire and practising of travesty and an ambivalent gender identity.
About the study:
'Sexual health in the Netherlands 2006' is a representative study of 4,170 persons in the Netherlands (total population about 16 million inhabitants). RNG (Rutgers-Nisso Groep) is the country's foremost expert centre on sexuality. www.rng.nl. For more information about the issues regarding gender identity from the present study contact Lisette Kuyper (l.kuyper@rng.nl) or about general issues regarding the population study contact Floor Bakker (f.bakker@rng.nl)About TransGender Europe:
TransGender Europe is a European network of transgender groups and individuals. If you have questions about our policy, please contact Justus Eisfeld (justus.eisfeld@gmail.com) or visit our website: www.tgeu.net .
8. Siehe etwa: Seikowski Kurt. Was ist Transsexualität ? Definition und begriffliche Abgrenzungen. In männlich - weiblich - menschlich. Trans- und Intergeschlechtlichkeit. in: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport - Berlin (Hrsg.): Dokumente lesbisch-schwuler Emazipation Nr. 22, Eigenverlag, Berlin (2006); S. 17-28
Herzlichen Glückwunsch meinen Lesern, daß ihr bis hierhin
durchgehalten habt und nicht von Worten oder Zahlen erschlagen wurdet.
Der nächste Artikel aus meiner Tastatur wird auch ganz sicher ohne
selbstgerechnete Statistiken sein.
Euer Alex
Kommentare zu diesem Artikel bitte an den Autor. Ich danke insbesondere Katrin, Justus, Julia, Branden, PeterPan und dem anderen Alex für ihre Mithilfe.
Köln, den 24.7.2008
www.dgti.org/
Zahlenspiele.htm
© dgti Köln 2007
Inpressum