24 | 11 | 2017

Stellungnahme der dgti

zur Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abg. Christina Schenk und der Fraktion der PDS BT-Drs. 14/5425

A - Grundsätzliches und statistische Fragen

Die Antworten auf die Fragen 1 - 6 werden bei Menschen, die mit der Thematik nur am Rande zu tun haben, wohl ausschließlich als informierend empfunden werden. Dies gilt sicher auch für Ärzte der Pädiatrie, Gynäkologie und Urologie. Diese Fachärzte werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Fall des Auftretens von Intersexualität überwiegend an die Empfehlungen der "Experten" halten oder die Patienten, im Kindesalter mit ihren Eltern, an diese verweisen. Geht man bei Intersexualität vom Krankheitsbegriff, im Sinne einer Normabweichung der Natur von der Vorgabe "Mann/Frau" aus, dann wird der betroffene Mensch, bzw. seine Eltern dieses Handeln auch ungeprüft als richtig annehmen.

Die Bundesregierung schreibt gleich zu Beginn, dass Intersexualität keine medizinische Diagnose, sondern eine zusammenfassende Bezeichnung für sehr unterschiedliche klinische Phänomene sei. Das Paradoxum liegt nun in folgendem Denkmodell das zur Tatsache erklärt wird:

Obwohl es keine juristische oder medizinisch verbindliche Definition von Geschlecht gibt wird "männlich oder weiblich" zur Norm erhoben. In der Technik ist Normabweichung nicht verwertbarer "Ausschuss". Da es im Bereich der lebenden Materie keinen Ausschuss geben kann muss jede Abweichung von der Norm als Krankheit oder Missbildung klassifiziert werden. Es muss also Heilung oder Rehabilitation versprochen werden, zumindest suggeriert werden, dass eines von beidem in jedem Fall möglich sei. Besonders wichtig ist diese Suggestion natürlich beim Menschen.

Es gibt jedoch ein entscheidendes Manko in diesem Denkmodel: Die Natur kennt diese Art deutscher Gründlichkeit, Gesetzestreue und Expertenglauben nicht. Das mag wohl die Erklärung dafür sein, dass sie sich auch nicht an die Normen hält, schon gar nicht an nicht beschriebene Normen.

Natürlich wäre es auch möglich den Wissensstand der modernen Medizin zur Kenntnis zu nehmen. Dann jedoch müssten bestimmte "Experten" zugestehen, dass ihr bisheriges Handeln im Sinne einer Normung falsch ist und menschlich nicht vertretbar. Statt dessen wird Intersexualität in jede Menge verschiedener Syndrome aufgeteilt und so der Wahrnehmung einer realen Existenz entzogen. Es wird von genitalen Fehlbildungen gesprochen, und zwar bereits direkt nach der Geburt eines Kindes, wenn der Augenschein zu keiner eindeutigen Aussage führt in Sinne von: "es ist ein Junge - es ist ein Mädchen". Zu diesem Zeitpunkt hat das Neugeborene keine Chance sich selbst zu äußern was es denn sei.

Nach diesen allgemeinen Aussagen gehe ich nun im Einzelnen auf die Antwort der Bundesregierung ein. Ich stütze mich bei meinen statistischen Angaben unter anderem auf Daten, die in dem sehr gut recherchierten Buch "Onans Kinder" / Abadi Verlage 2000 niedergelegt sind, sowie auf Daten nationale und internationaler Organisationen, die im Internet veröffentlicht wurden. Dabei musste ich mir gerade von letzgenannten Quellen vorwerfen lassen, dass ich diese Zahlen zu vorsichtig verwende und nicht auf mögliche Dunkelziffern hochrechne. Zusätzlich verwende ich Fakten aus der Beratungstätigkeit für Transfrauen und Transmänner, in der sehr schnell deutlich wurde, dass unter ihnen sehr viele Intersexuelle befinden. Fast in allen Fällen war ihnen dieser Umstand selbst zunächst nicht bekannt, da er entweder vor ihnen verborgen wurde oder noch nie in dieser Richtung untersucht wurde.

(F1) Die Bundesregierung gibt an, dass der Anteil von allen Arten der "Normabweichung" im Bereich der geschlechtlichen Zuordnung, bei etwa 0,05 - 0,1 % liegt. Andere wissenschaftliche Quellen gehen von einer Häufigkeit von 0,5 - 2 % aus. Bei jedem 200sten Kind, das in Deutschland geboren wird, führt der erste Blick zwischen die Beine des Neugeborenen zu keiner eindeutigen oder "falschen" Zuweisung.

Die sonstigen Aussagen zur ersten Frage nach der Häufigkeit machen deutlich, dass das "Problem" Intersexualität bisher "unter dem Tepich" gehalten wurde. Auf der einen Seite wird dies eingestanden, zum anderen wird auf Pilotstudien und laufende Erhebungen verwiesen. Uns ist nicht bekannt, dass zu diesen Studien auch fachlich kompetente selbst Betroffene mit zugezogen werden. Es ist auch nicht bekannt wie öffentlich kontrollierbar diese durchgeführt wurden oder werden. Die Bundesregierung sagt aber deutlich, dass diese Studien mit dem Ziele geführt werden Leitlinien für den Umgang mit der Geschlechtszuweisung durch Experten erarbeitet werden sollen.

(F2) Auf die Frage wieviele Kinder geschlechtszuweisenden Maßnahmen unterworfen werden, durch chirurgische Maßnahmen und/oder Hormone, sagt sie zunächst, dass es darüber keine genauen Daten gibt. Dann aber macht sie konkrete Angaben zum Umgang mit Intersexen, die dem Adrenogenitalen Syndrom (AGS) zugerechnet werden. In Zahlen ausgedrückt bedeutet diese Aussage, dass z.Z. in der Bundesrepublick ca 9.000 Menschen leben, deren Genitalen im Baby oder Kleinkindalter geschlechtzuweisend chirurgisch verändert wurden und insgesamt ca. 18.000 Menschen dieser Gruppe, die zum Zwecke der Geschlechtszuweisung mit Hormonen behandelt werden. - Wohlgemerkt, es geht nicht um die Behandlung wegen der empfundenen Geschlechtlichkeit, sondern wegen der Zuweisung durch Experten.

(F3) Die Frage zur Behandlungsdauer ist leider zutreffend beantwortet. Es wird aber an dieser Stelle verschwiegen, was in einem anderen Zusammenhang ausgesagt wird: "Im Sinne einer gesunden (?) Geschlechtsentwicklung wird den Kindern und Jugendlichen der Sinn der Behandlung verschwiegen." Therapeutische "Hilfe" geht daher auch, wenn überhaupt, in die falsche Richtung und kann von Eltern, die sie bräuchten gar nicht angenommen werden.

(F4) Da der Bundesregierung nicht bekannt ist, dass von Erwachsenen Intersexuellen die ohne ihren Willen vorgenommenen Entscheidungen kritisiert werden, sie diese Auskunft natürlich von ihren Experten erhalten hat, läßt dies nur eine der beiden folgenden Schlüsse zu: Die Experten arbeiten blind in ihrem Heilungsglauben oder die Experten haben ihre Kenntnisse bewußt verschwiegen.

(F5+6) k.K.

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