18 | 11 | 2017

Zentrale Anlaufstelle Transidentität des Landes Nordrhein-Westfalen
Projektleitung: Helma Katrin Alter

Einführung

  1. Was ist Transidentität
  2. Zur Situation in Deutschland/NRW
  3. Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen
  4. Die Lage von Ärzten und Psychotherapeuten/Psychologen
  5. Transidentität und Gesellschaft

Was ist Transidentität?

Transidentität - Juristen und Mediziner sprechen immer von Transsexualität, was aber nur einen Teil der Betroffenen betrifft, - ist das Gefühl einer, von der "Norm" abweichenden Geschlechtsidentität. Dieses Gefühl kann z.B. zu der inneren Sicherheit führen, einem anderen Geschlecht anzugehören, als dem, dem man entsprechend der biologischen Merkmale bei der Geburt zugeordnet wurde. Eine Mann-zu-Frau-Transidentin (transsexueller Mann) ist biologisch männlich, fühlt sich aber weiblich, in letzter Konsequenz als Frau. Ein Frau-zu-Mann-Transident ist biologisch weiblichen Geschlechts, hat aber das seelische Empfinden ein Mann zu sein. (Der Begriff „biologisch" bezieht sich dabei nur auf die körperliche Zuordnung und läßt hirnorganische Zuordnungen außer Betracht. Durch die Ergebnisse neuerer Forschungen liegt jedoch die Vermutung nahe, daß das was noch heute von den Medizinern als Transsexualität bezeichnet wird, die psychische Zuordnung zum anderen Geschlecht, in Wirklichkeit eine Form der hirnorganisch bedingten Intersexualität ist.)

Dieses Gefühl ist nicht unbedingt gebunden an eine besondere Form von sexuellen Wünschen, an die Vorliebe Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen und erst recht nicht an den Gebrauch von Makeup. Natürlich ist es ein häufiges Erscheinungsbild, in der Erkennungs- und Übergangsphase zur Akzeptanz der eigenen Transidentität, sich oft sehr extrem dem optischen Erscheinungsbild des Wunschgeschlechtes anzupassen. Die Intensität dieses Verhaltens ist aber kein ausreichender Maßstab für die Beurteilung des inneren Leidensdrucks.

Dieses Herauslösen Transsexueller aus der ganzen Gruppe der Transidenten, zu denen auch - wie schon im Vorwort gesagt - Crossdresser, Transgenderisten, Androgyne und Intersexuelle gehören, kommt es zu teilweise sehr grotesken und belastenden Ausgrenzungen und Abgrenzungen innerhalb der Gruppe der Betroffenen und der Gesellschaft.

Transidentität ist auch etwas anderes als Homosexualität. Natürlich wird eine Mann-zu-Frau-Transidentin, die nicht homosexuell ist, ihre sexuellen Wünsche auf die Partnerschaft mit einem Mann ausgerichtet erleben. Solange sie noch im männlich entwickelten Körper lebt, muß optisch der Eindruck von homosexueller Neigung entstehen. Der Homosexuelle fühlt sich aber sexuell von Personen des gleichen Geschlechts angezogen. Der Versuch einer Partnerschaft zwischen einer Mann-zu-Frau-Transidentin und einem homosexuell ausgerichteten Mann ist zum Scheitern verurteilt. Im Fall eines Frau-zu-Mann-Transidenten wird entsprechend der Eindruck einer lesbischen Beziehung entstehen, so lange er sein „coming out" nicht hatte.

Transsexualität hat primär nichts mit Sexualität zu tun, deshalb sprechen wir auch hier von Transidentität. Der Transident hat das Gefühl, in seinem Körper nicht zuhause zu sein. Er gehört wirklich dem anderen Geschlecht an. Der Widerspruch zwischen körperlichem Erleben, sowie äußerem Erscheinungsbild und dem inneren Erleben der eigenen Persönlichkeit führt beim Transidenten zwangsläufig zu enormen Spannungen. Er möchte dem anderen Geschlecht angehören und muß seinen Körper und sein Erscheinungsbild verändern, um diese Spannungsgefühl zu überwinden, um bei sich selbst zuhause zu sein! Häufig ist er, in der Phase des Erkennens und Akzeptierens, nicht mehr in der Lage zu unterscheiden zwischen dem eigenen, inneren Druck und dem Druck, dem er sich von der Außenwelt, der Gesellschaft ausgesetzt sieht.

Transidenten haben mit der Hilfe von Psychiatern immer wieder probiert, den eigenen Körper zu mögen und zu lernen ihr biologisches Geschlecht zu akzeptieren. Solche Versuche sind stets gescheitert - in manchen Fällen endeten sie mit Suizid! Für Transidenten besteht in den meisten Fällen der einzige Weg in einer Kette von psychologischen, hormonellen und chirurgischen Behandlungen, um den Körper dem psychischen Identitätsgeschlecht anzupassen. Obwohl diese Behandlungen selten ein perfektes Ergebnis bringen, wird dem Transidenten dadurch geholfen und sie können, in den meisten Fällen, glücklicher leben.

Zur Situation in Deutschland/NRW

In Deutschland soll es 6.000 bis 8.000 betroffene Menschen geben. Diese Zahlen, 1983 für die alten Bundesländer erstellt, müssen jedoch falsch sein. Es wurden nur chirurgisch behandelte Betroffene erfaßt. Operationen, die im Ausland stattfanden, sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Ebenso fehlen Personen, die für sich eine stabile Lösung oder Zwischenlösung ohne Operation gefunden haben - unabhängig davon, wie lange diese hält.

Nach den uns heute zugänglichen Statistiken und Hochrechnungen, gestützt auf Untersuchungen in den USA, bzw. den Niederlanden, müssen es in der Bundesrepublik ca. 170.000 Betroffene sein. Anteilig umgerechnet leben damit allein in NRW zur Zeit ca. 35.000 bis 40.000 Transidenten! Viele Betroffene aller Entwicklungsstadien, vom ersten Erkennen der eigenen Transidentität bis hin zum vollständig operierten Transidenten, leben in der Anonymität, können also von Statistiken nicht erfaßt werden (sind in den umgerechneten Zahlen aber enthalten).

Uns ist bewußt, daß diese Hochrechnungen, vor allem von den Krankenkassen, angezweifelt werden. Verständlicherweise geschieht dies unter dem enormen Kostendruck, der daraus sichtbar wird. Gesellschaftspolitisch gesehen ist dies jedoch eine "Milchmädchenrechnung"! Glücklich und erfolgreich lebende Transidenten, akzeptiert von der Gesellschaft, erhalten sich ihre Leistungsfähigkeit und sind in der Lage, ihren Teil zum Bestand der gesellschaftlichen Strukturen beizutragen. Statt das soziale Netz auf Dauer zu belasten, würden sie, nach einer Übergangsphase, in der sie Geld kosten, das Netz mit tragen können.

In den Medien wurde in den letzten Jahren einiges über Transidentität berichtet. Doch diese Berichte erreichen die in der Isolation lebenden Betroffenen oft nicht. Weitere Informationen sind ihnen nicht zugänglich. Dadurch entstehen sehr häufig psychische Erkrankungen, psychosomatische Folgeschäden sind die Regel. Durch die starken Überbelastungen verlieren diese Menschen ihre soziale Bindung und belasten infolge dessen verstärkt das soziale Netz, ohne daß die wirkliche Ursache der Belastung erkannt wird.

Bei allem guten Willen, der den Medien an dieser Stelle bewußt unterstellt werden soll, leidet ihre Arbeit zur Aufklärung der Öffentlichkeit aber unter verschiedenen gesellschaftsbedingten Mängeln. Durch das von Wissenschaft und Justiz geprägte Wort der "Transsexualität" ist die Erwartungshaltung vorgegeben, eine Information über das Thema müsse etwas mit Sexualität zutun haben. Transidentität sprengt das in den Köpfen der Menschen eingeprägte "Schubladendenken" von "Mann und Frau"! Diese Prägung geht durch alle Schichten der Bevölkerung, also gilt sie auch für Juristen, Mediziner, Psychologen und Politiker. In Folge dessen müssen sich die Medien, soll ihre "Botschaft" gesehen, gehört oder gelesen werden, mit Extremfällen - im positiven, wie auch im negativen Sinne - beschäftigen. Dabei kommt die Lage der "normalen" Transidenten leicht "unter die Räder".

Die Medien hinterlassen, nach einer Berichterstattung, zwangsläufig Betroffene, Mitbetroffene und alle anderen Zuschauer mit ihrer Phantasie alleine. Dies ist eine nicht veränderbare Tatsache! In den meisten Fällen sind sich die Verantwortlichen dieses Effektes bewußt und versuchen ihn durch die Bekanntgabe von Kontaktadressen und Selbsthilfeeinrichtungen zu kompensieren, erreichen damit aber erfahrungsgemäß nur wenige Betroffene, nicht aber hilfswillige Personen, Vereinigungen oder Behörden. Nur in ganz seltenen Fällen machen "normale" Bürger von einem Angebot zur weiteren Information Gebrauch, um auch betroffenen Menschen zu einem menschenwürdigen Dasein zu verhelfen.

Die Medien können sich in ihrer Arbeit auf keine "gesicherten Erkenntnisse" stützen. Es gibt keine zentrale Informationsstelle! Sie sind auf Einzelschicksale und die Aussagen von Einzelpersonen der Betreuungsarbeit angewiesen! Unseres Erachtens ist dies für betroffene und mitbetroffene Menschen ein unhaltbarer Zustand. Bemühungen, auf Bundesebene hier eine Veränderung zu erreichen sind bisher gescheitert. Unsere auf Ein- und Abgrenzen ausgerichtete Gesellschaft läßt dies bisher nicht zu!

Als weiteres Manko einer wirksamen Medienarbeit, um Betroffenen zu helfen und Helfer zu ermuntern, muß die "Wissenschaftsgläubigkeit" in unserer Gesellschaft angeprangert werden. "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf" und Transidentität sich bisher einer wissenschaftlichen Erklärung scheinbar entzieht, stehen selbst die besten Versuche einer Sensibilisierung der Gesellschaft für dieses Problem auf fast verlorenem Posten. Transidentität, ein normaler Teil der Schöpfung, bleibt so im Bereich des Irrationalen, Exotischen - eben genau dort, wo sie in keinem Fall hingehört!

Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen

Die wenigen Selbsthilfegruppen und die seltenen Beratungsstellen, ausgestattet mit qualifiziertem Personal, sind hoffnungslos überlaufen. Für die Betreuung und Öffentlichkeitsarbeit sind keine Finanzmittel vorhanden, der ehrenamtliche und ideelle Einsatz einzelner kann hier alleine keine Abhilfe schaffen. Für den Aufbau eines flächendeckenden und qualifizierten Beratungsnetzes, im unmittelbaren Umfeld der Betroffenen, fehlt die Bereitschaft zur Sensibilisierung der Gesellschaft, hier vor allem im Bereich von Gesundheitsfürsorge, Soziales und Arbeit, und die Ausstattung mit finanziellen Mitteln um entsprechende Bildungsangebote zu machen!

Gelingt es trotz aller Widrigkeiten, die sich aus ihrer persönlichen Situation ergeben, betroffenen Menschen eine Selbsthilfeeinrichtung aufzubauen, so sind sie doch den Zwängen ihrer eigenen Erlebniswelt verfangen. Eingrenzung und Abgrenzung, als vermeindlich notwendiger Schutz vor den Einflüssen der Gesellschaft, die ihnen ihren persönlichen Weg so schwer gemacht hat, führt zu einer neuen Form der Isolation! Für andere Betroffene sind solche Selbsthilfeeinrichtungen, selbst wenn sie eine gute Arbeit leisten, wieder nicht erreichbar!

Beratungseinrichtungen, z.B. angesiedelt bei "Pro Familia", stehen voll im Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten, sich aus Quellen der medizinischen Betreuung und den Erfahrungen von Betroffenen zu bewegen. Dabei spielt, ohne daß dies als Vorwurf verstanden werden sollte, die Altersstruktur der an der Beratung Beteiligten eine wesentliche Rolle. Unabhängig davon steht und fällt aber die Möglichkeit, Transidenten zu helfen, mit der Möglichkeit von Information über soziale und medizinische Hilfe! Guter Wille alleine, so wichtig er in dieser Lage ist, hilft hier nicht weiter!

Die in NRW an den Universitäten Essen, Münster und Aachen eingerichteten Stellen für Beratung und Kurzdiagnostik, eingerichtet nachdem dieser Projektantrag gestellt wurde, habe keine entscheidenden Fortschritte gebracht. Sie können aufgrund ihrer sonstigen Verpflichtungen und der Einbindung in Behandlung und Forschung keine Öffentlichkeitsarbeit machen. Sie sind weder bei Betroffenen noch Ärzten ausreichend bekannt. Der Handlungsspielraum beschränkt sich außerdem auf Medizin und Psychologie, also nur auf einen Teil der realen Probleme, mit denen sich Transidenten auseinander setzen müssen.

In Deutschland - auch in NRW - gibt es keine Angebote für Qualifizierung und Information zum Thema "Transidentität"! Angesichts der verleugneten Zahl Betroffener - doch auch das Verleugnen hilft hier nicht - ist dies auf Dauer ein unhaltbarer Zustand. Eine bundeseinheitliche Lösung scheint derzeit noch nicht erreichbar. Transidenten haben aber, wie alle Menschen unserer Gesellschaft, ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben! Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen müssen demnach mit den nötigen Mitteln zu einer effektiven und qualitativen Arbeit ausgestattet werden! Wer dies nicht akzeptiert nimmt auch in Zukunft in Kauf, daß leistungsfähige Menschen die Gesellschaft belasten, obwohl sie in der Lage wären, sie mit zu tragen, oder aber durch Suizid - den schlechtest möglichen Weg - sich dieser Gesellschaft, in der Menschen scheinbar nichts mehr gelten, entziehen!

Die Lage von Ärzten und Psychotherapeuten/Psychologen

Gesetze sind, so sollte es im "Normalfall" sein, ein Spiegel der gesellschaftlich anerkannten Norm! Im Fall der Transidenten scheint dies jedoch sehr zweifelhaft. Das Transsexuellengesetz aus dem Jahre 1980 (TSG) ist im Widerspruch zur allgemein gültigen gesellschaftlichen Norm eingeführt worden. So notwendig wie die Einführung war, so sicher ist auch, daß sich an der Einstellung der Gesellschaft nichts geändert hat! Dies trifft auch für die Personengruppe der Ärzte und Psychotherapeuten zu. Daraus einen Vorwurf zu formulieren wäre jedoch ebenso falsch, wie sich mit dieser Situation abzufinden.

Seit der Verabschiedung des TSG gab es mehrere Urteile, die die Rechte von Transidenten in das rechte Licht der Menschlichkeit setzten! Was aber kann dies einzelnen Betroffenen nützen - verunsichert durch den Widerspruch zwischen Erziehung und eigenem Empfinden - nicht wissend, inwieweit sich Ärzte und Psychologen in ihren eigenen Lebensbildern verstrickt haben? Wie stark diese Verstickung ist zeigt sich auch in den Ende 1997 veröffentlichten „Standards of Care" der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin. Wie sonst wäre der unheilvolle Versuch zu erklären das Transsexuellengesetz als Alibi für bestimmte Behandlungsschritte zu „mißbrauchen".

Im Prinzip weiß jeder Bürger unseres Staates, daß es das "Phänomen" der Transidentität (Transsexualität) gibt - aber doch nicht in der eigenen Familie, doch hoffentlich nicht in der Nachbarschaft! Dieses Muster und Denkschema ist natürlich auch jedem selbst Betroffenen eingepflanzt, er oder sie sind ja in diese Gesellschaft hineingeboren, ohne sich entscheiden zu können. Es ist aber auch in die Köpfe der Experten - wissenschaftlich anerkannten Persönlichkeiten - eingepflanzt! Können sie sich von ihrer eigenen Entwicklung soweit trennen, daß es ihnen möglich ist, andere Lebensperspektiven zuzulassen? Können sie für sich zulassen, daß das im Studium gelernte Modell von "Mann und Frau" in Frage gestellt wird?

Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen stehen im wesentlichen in einem völlig rechtsfreien Raum! Dies führt zwangsläufig zu einer "Crash-Situation"! Ärzte behandeln Transidenten, im Grunde genommen gesunde Menschen, als Patienten. Sie verordnen Medikamente deren Wirkung unsinnig ist, wohl wissend, daß die Nebenwirkungen, vor denen gewarnt wird, den gewünschten Effekt der körperlichen Anpassung auslösen. Andere Ärzte. bisher ohne Erfahrung mit Transidenten, kommen in den persönlichen Zwiespalt zwischen Neugier und Hilfsbereitschaft. Unabhängig davon, ob sie sich der Tragweite dieser Situation bewußt sind, mit ihr verantwortungsvoll umgehen wollen, muß die Frage erlaubt sein, ob dies den Betroffenen wirklich dienlich sein kann, gerecht wird? Ein Aufrechterhalten dieses Zustandes kann nicht im öffentlichen Interesse liegen.

Neurologen und Psychotherapeuten, sowie Psychologen, sind gegenüber Transidenten in einer ungewöhnlichen, ja sogar paradoxen Situation. Als Gutachter sollen sie für Justiz und medizinischen Dienst etwas bescheinigen, das sie nicht erklären können, was nur der "Patient" weiß. Als Helfer sollen sie etwas verstehen, was sich dem Verstand entzieht. Was sie sofort sehen ist, daß Transidenten unter Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen leiden - worunter denn sonst? Es ist völlig normal, daß sich Ärzte und Psychologen in dieser Lage zunächst an die Persönlichkeitsstörung als zu behandelnde "Krankheit" klammern, dem Transidenten und seiner eigenen Problematik kann dies jedoch nicht gerecht werden.

Im Umkehrschluß stehen Ärzte und Psychotherapeuten aber wieder vor einem Dilemma. Akzeptieren sie das transsexuelle Empfinden des Menschen und erkennen gleichzeitig die dadurch hervorgerufenen Probleme, wollen sie dies auch "behandeln", weil sie wissen, daß es keinen tragfähigen Weg ohne Behandlung und Stabilisierung gibt, dann stoßen sie zwangsläufig auf den Widerspruch des betroffenen Menschen! Soziale und persönliche Stabilisierung - neben der geschlechtsanpassenden Behandlung - ist aber eine wichtige flankierende Maßnahme für betroffene Menschen. Sie kann aber nur greifen, wenn das gegenseitige Vertrauen vorhanden ist.

Für vertrauensbildende Maßnahmen fehlen aber beiden Seiten, Helfern und Patienten, die notwendigen Informationsquellen. Es fehlen ihnen die Spielräume einer sich ändernden Gesellschaft, erkennend, daß sich alle wissenschaftliche Erkenntnis immer wieder mit dem "Störfaktor Mensch" auseinandersetzen muß. Gerade deshalb ist der Einsatz von Helfern so segensreich und mörderisch zugleich!

Helfer - Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen - befinden sich aber auch in einem rechtsfreien Raum. Die Kostenfrage ist geklärt, die Verantwortlichkeit und Haftung aber nicht! Ungeklärt ist auch die Möglichkeit der Aus- und Weiterbildung, der Informationswege und der Kontaktaufnahme zum Gedankenaustausch. Daß trotzdem bisher soviel effektive Hilfe möglich war ist schon fast ein Wunder!

Transidentität und Gesellschaft

Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität - Transidenten - haben zwangsläufig eine andere Sicht zu ihrer Umwelt, als andre Menschen! Auf diesen Aspekt detailliert einzugehen sprengt den Rahmen dieser Einführung (siehe "Erziehung, Moral und Gesellschaft"). Sie haben aber, wie alle Menschen, den Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben, garantiert durch das Grundgesetz! Sie sind Teil der Gesellschaft, zunächst Teil einer Familie. Wird ihnen bereits in der Entwicklung ihre Transidentität bewußt, so entstehen die Belastungen in der Familie, in der Wechselwirkung zwischen Normvorstellungen und Akzeptanz des eigenen "Fleisch und Blut".

Gerade in dieser Entwicklungsphase gibt es in Deutschland keinerlei Hilfen oder Informationen für die Betroffenen und Mitbetroffenen! Dies gilt auch für unser Bundesland Nordrhein-Westfalen! Da die Normvariante "Transidentität" von der Gesellschaft ignoriert wird sind Eltern und betroffene Kinder auf sich alleine gestellt, Kinderärzte werden nicht für das Problem sensibilisiert! Pädagogen und Sozialarbeiter für Kinder- und Jugendbetreuung bleiben zwangsläufig blind, suchen in Fällen von auftauchenden Problemsituationen stets in der falschen Richtung. Daraus ist ihnen kein Vorwurf zu machen! Es fehlt einfach die Sensibilisierung für eine Früherkennung des Phänomens und eine notwendige Ausbildung der "Helfer".

Die Transidenten selbst aber entwickeln sich in dieser, unserer Gesellschaft, unterliegen ihren Werten und Normvorstellungen. Die Entstehung von Psychosen und Neurosen ist programmiert! Auf der anderen Seite wird aber gerade diese "normale" Entwicklung von der Gesellschaft ignoriert oder sogar abgelehnt. Wenn sich trotzdem so viele Transidenten entwickeln können zeugt dies eindeutig von ihrer relativ gesunden Einstellung zum Leben. Ihre Entwicklung ist trotz der Gesellschaft, nicht durch sie möglich. Der persönliche Preis - und der gesellschaftliche - der dafür bezahlt werden muß erscheint uns aber zu hoch und überflüssig.

Es gibt andere Wege, wie wir miteinander umgehen können! Diese zu zeigen und zu beschreiten ist Ziel des vorgestellten Pilotprojektes für NRW!

(C) Helma Katrin Alter

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