18 | 11 | 2017

Zentrale Anlaufstelle Transidentität des Landes Nordrhein-Westfalen
Projektleitung: Helma Katrin Alter

Vorwort zum Projektantrag

Crossdresser ("Transvestiten"), Transgenderisten, Androgyne, Transsexuelle, Intersexuelle ("Hermaphroditen") und ähnlich betroffene Menschen sowie deren Angehörige - Eltern, Partner und Kinder - erhalten in Deutschland inzwischen vielfältige Betreuung, gute, gut gemeinte, aber auch schädliche. Oft stehen die Betroffenen und Mitbetroffenen aber auch völlig alleine da. Sie wissen nicht an wen sie sich wenden können, finden oft auch aus "Scham" und "Angst" nicht den Weg zu anderen Menschen, mit denen sie ihre Probleme besprechen könnten. Häufig beißen sie sich auch in der Vorstellung fest, sie seien die einzigen mit diesem Problem, und Hilfe sei sowieso nicht möglich.

Auf der anderen Seite versuchen Beratungseinrichtungen, Selbsthilfegruppen und Betreuungsvereine des Gesundheitswesens in einen wichtigen sozialen Auftrag hinein zu wachsen. Sie machen es sich zu Ziel und Aufgabe, die meist extrem belastenden Lebensbedingungen der Betroffenen zu verbessern. Weit verbreitet sind psychische Probleme von chronischen Depressionen bis hin zu Suizidalität. Diese Probleme und ihre Ursachen müssen erkannt und - in Zusammenarbeit mit qualifizierten Psychotherapeuten - abgebaut werden. In Selbsthilfegruppen bemühen sie sich um Unterstützung der Einzelnen bei ihrer Selbstfindung und der Erarbeitung von realistischen Lebensperspektiven, sowie um psychische Stabilisierung in der Gemeinschaft.

Abweichende Geschlechtsidentität (bei CD, TG, Androgynen, TS), oder auch die Andersartigkeit primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale (bei IS), wird den Betroffenen meist zu einem Zeitpunkt bewußt, zu dem sie deren psychosoziale Implikationen schwerlich abschätzen können. Sie empfinden sich als "irgendwie anders" und im Widerspruch zu den gängigen Vorstellungen "der Gesellschaft". Sie werden schon als Kinder mit "Peinlichkeit" behandelt - selbst von denen, die sie angeblich lieben! - bis sie sich so weit entfremdet sind, daß sie sich selbst gegenüber "Angst" und "Scham" empfinden, was sie zwangsläufig in soziale Isolation treibt.

Durch Veranstaltungen sollte die gesellschaftliche Stellung betroffener Menschen verdeutlicht werden, um gegenseitige Ängste und Vorurteile abzubauen.

Als Zielgruppe kommen dafür, so paradox dies im ersten Moment klingen mag, vor allem Studenten der Medizin, Psychologie, und Sozialarbeit in Frage, vor allem aber auch Professoren und Dozenten dieser Disziplinen an den Hochschulen. Parallel dazu muß versucht werden, die zur Zeit praktizierenden Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen zu erreichen. Sie wurden auf der einen Seite in den Vorstellungen und Weltbildern von gestern und vorgestern erzogen und ausgebildet - wie auch die zur Zeit Betroffenen - sehen aber auch, daß die Grundlagen dieser Ausbildung durch Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität erschüttert werden. Auf der anderen Seite sind aber sie es, die von Gesellschaft und Gesetzgeber gefordert sind, den betroffenen Menschen zu helfen.

Als weitere, wichtige Personengruppe erscheint mir der Bereich der Erzieher und Pädagogen, die sich mit der Altersgruppe ab 3 Jahre bis zum Ende der Schulzeit beschäftigen, sowie Kinderärzte und Eltern. In zunehmendem Maße werden auch Mitarbeiter sozialer Einrichtungen und Dienste mit der Problematik "Transidentität" konfrontiert. Neben Grundwissen darüber muß ihnen vor allem ein guter Info-Dienst zur Verfügung stehen. Ohne nun an dieser Stelle bereits weiter auszuholen, auf Ausbildung, Ethik und Moral einzugehen, möchte ich feststellen, daß betroffenen Menschen geholfen werden kann und muß. Die Mittel dafür sind vorhanden! Das Wissen steht zur Verfügung! Die Informationswege können angeboten werden! Rechtliche und medizinische Angebote und Wege stehen zur Verfügung! Trotzdem ist in keiner, im Prinzip uneingeschränkt leistungs- und arbeitsfähigen Personengruppe der Anteil arbeitsloser und sozial entwurzelter Menschen so groß, wie gerade bei Personen mit abweichender Geschlechtsidentität. Dies muß nicht so sein, wie vor allem durch Betroffene, die in hochqualifizierten Stellungen ihren Weg erfolgreich gehen konnten, bewiesen ist.

In unserer heutigen, so aufgeklärten Welt, müssen Menschen mit Identitätsproblemen, die der allgemein gültigen Vorstellung und Weltanschauung nicht entsprechen, sehr stark und gesund sein um gesund zu bleiben - um zu überleben! Sie stehen unter dem Druck ein Doppelleben zu führen oder einen ständigen Kampf für ihre eigene Form des Menschseins. Dies muß nicht so bleiben! Dies darf nicht so bleiben! Deshalb beantrage ich den im Folgenden beschriebenen Weg einzuschlagen.

(C) Helma Katrin Alter

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