22 | 11 | 2017

Herzlichen Glückwunsch, Familie Beatie


04.07.2008

Letztes Update, 4.7. 20:00 Uhr

"Der Wunsch, ein Kind zu bekommen, ist kein männlicher oder weiblicher Wunsch, sondern ein menschlicher. Ich bin ein Mensch und habe das Recht auf ein eigenes Kind."

- Thomas Beatie in The Advocate.

Thomas Beaties Schwangerschaft hat auch hierzulande Schlagzeilen gemacht. Das Photo von ihm mit Bart, flacher Brust und Schwangerschaftsbauch ging um die ganze Welt. Gestern gebar Thomas Beatie eine gesunde Tochter. Herzlichen Glückwunsch von uns!

Leider jedoch, gelinde gesagt, freut sich nicht jeder mit den Beaties. Und es sind nicht nur irgendwelche klassischen Konservativen, die mit einem schwangeren (Trans-)Mann ein Problem haben und mal wieder den Untergang des christlichen Abendlandes befürchten — nein, der böseste Schmutz wird ihm von LGBT-Aktivisten an den Kopf geworfen. (LGBT = Lesbisch, Gay (Schwul), Bi und Trans*)

Ernsthaft um das Kind besorgt sind wohl immerhin noch einige von denen, die sich öffentlich Sorgen machen, daß die Familie von der Presse verfolgt werden würde; obwohl, die Besorgnis gab es genauso bei den ersten Retortenkindern, bei jedem Satz Sechslinge, bei den ersten Kindern, die offiziell bei Schwulen oder Lesben aufwuchsen, und so weiter. Größere Schäden an den Kindern hat es jedoch in keinem Falle gegeben; wohl auch deswegen, weil sich der Nachrichtenwert schnell verflüchtigt.

Auch wird sich gesorgt, mit eher weniger Überzeugungskraft, was die Ehrlichkeit dieser Bedenkenträger angeht, ob so eine "ungewöhnliche Familie" (Vater-Mutter-Kind, äußerst ungewöhnlich, das) nicht fürchterlich schädlich wäre für das Kind. Es würde aber doch bestimmt sein Leben lang gehänselt. Besonders pikant ist diese Aussage, wenn sich die Schreiber gleichzeitig als dafür kämpfend outen, Schwulen und Lesben die Elternschaft zu erleichtern. Nur weil man selber (an und für sich selbstverständliche) Rechte haben will, heißt das eben nicht immer, daß man die auch anderen Menschen zusprechen würde. Das Kind dabei als Argument vorzuschieben, ist dann allerdings etwas unehrlich.

Ehrlicher sind da schon die LGBT*-Aktivisten, die schlicht schimpfen, daß man sich doch so lange bemüht habe, als völlig normal zu erscheinen, eben nur dieses kleine bisschen anders, und jetzt komme da ein Mr. Beatie und mache das alles wieder kaputt! Wenigsten behaupten diese Leute nicht, es interessiere sie irgend etwas anders als ihre eigene Haut. Recht haben sie deswegen aber noch lange nicht. Oder was genau hat es der Schwulenbewegung eingebracht, sich von "Tunten" zu distanzieren (und umgehend ins andere Extrem zu verfallen)? Der Lesbenszene, oder wenigstens Teilen davon, sich von allzu "butch" Frauen zu distanzieren? Transgendern, sich von allem, was auch nur ansatzweise schrill ist, zu distanzieren? Genau gar nichts. Die Leute, denen man sich da so schön anpassen will, nehmen einen, Offenheit vorausgesetzt, erstaunlich oft genauso wie man selber ist, egal, was andere Leute machen, und die, die das nicht tun, interessieren sich nicht dafür, von wem man sich alles distanziert; die mögen "sowas" nicht, weil man "sowas" ist, und ganz egal, von wem sich "sowas" distanziert.

Aber das sind ja wenigstens noch Argumente, wenn auch keine guten. Einige Leute aber schütten puren Hass und Ekel aus. Man lese nur die Kommentare unter den Artikeln im Advocate, oder, wer des Englischen so mächtig nicht ist, darf sich auch am Leib-und-Magen-Blatt der Linken erfreuen: Die taz (ansonsten ja nicht die schlechteste Publikation im deutschen Blätterwald) proklamierte gestern:

"Tatsächlich steht und fällt der Nachrichtenwert dieser Geschichte mit der Bereitschaft, diesen Menschen, der sich Thomas Beatie nennt, überhaupt als Mann anzuerkennen. Es mag ja sein, dass er sich das wünscht, viel Geld für Operationen ausgegeben und noch mehr Schmerzen erduldet hat. Ebenso gut hätte er sich aber auch statt der Brüste die Beine amputieren, sich Flossen annähen und ein Atemloch in den Rücken stanzen lassen können - um zu behaupten, er wäre fürderhin ein Delfin.

Der Kaiser trägt in diesem Fall nicht neue Kleider, sondern ein neues Geschlecht. Das mag ihm glauben, wer will, und derzeit glauben viele Menschen solchen Quatsch sehr gerne - was vor allem an den bizarren Auswüchsen der Genderstudies liegt, deren Ziel es ist, der Gesellschaft einzutrichtern, das Geschlecht sei nichts weiter als ein soziales Konstrukt, das prinzipiell zur Disposition steht und damit unseren Vorlieben sowie der Geschicklichkeit teurer Chirurgen unterworfen ist. Gebärmutter bleibt Gebärmutter, in wessen Bauch auch immer sie steckt.

Thomas Beatie ist kein Mann, sondern eine schrecklich verstümmelte Frau - und gottlob nicht verstümmelt genug, um keine Kinder gebären zu können. Wünschen wir also allen Beteiligten das Beste."

Da kann man gar nicht soviel essen, wie man kotzen möchte. Kommentare zum Artikel sind auch scheins nicht wirklich erwünscht, nachdem drei durchgewunken wurden, warteten andere fast 24 Stunden auf die Freischaltung. Und einige, früh abgegeben, warten immer noch.[*] Wo ist das Problem, liebe taz? Fallen die doch nicht so aus, wie ihr es neuerdings gerne hättet? Ist ja schon das zweite mal binnen eines Jahres, daß sich dort die Transenhasser austoben dürfen.

Ach übrigens: Thomas Beatie ist nicht der erste Transmann, der ein Kind bekommen hat länger nach dem Wechsel, nicht mal der erste, der sich bewußt dafür entschieden hat. Da die zugeführten männlichen Hormone für eine Schwangerschaft aus dem Körper raus sein müssen, damit es überhaupt zur Schwangerschaft kommen kann, besteht nach allgemeinem Erkenntnisstand auch keine Gefahr für das Kind. Und wieso soll es dem Kind denn sozial und/oder psychologisch schaden, eine etwas ungewöhnlichere Familiengeschichte zu haben? Denen, die wir kennen, hat es jedenfalls nicht geschadet, egal, ob das jetzt ein schwules oder ein Hetero-Paar war, welches das Kind bekam. Würde man das als Argument ranziehen, wäre man schon fast wieder da, daß ja nur Standard-Familien, in denen am besten noch die Mutter zu Hause bleibt und sich um Wäsche und Kinder kümmert, und der Vater das Geld verdient, gute Orte zur Aufzucht von Kindern seien. Und daß das nicht stimmt, ich glaube, das ist doch bei den meisten Menschen mittlerweile angekommen ...

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(Transmann, und Thomas Beatie ein bisschen beneidend.)

[*] Update vom 4.7., 14:40 Uhr: Nachdem der von mir abgeschickte Kommentar beim großen Freischalten nach fast 24 Stunden fehlte, sendete ich ihn nochmals ab. Diesmal war er nach 2 Stunden freigeschaltet – teilweise. Kritik läßt sich die taz anscheinend nicht gefallen; wo kämen wir da auch hin? Es fehlen der erste Absatz und der letzte Satz beim Kommentar von AlexTM, 12:36 Uhr. (Und natürlich der Kommentar, daß der Kommentar wohl seltsamerweise verlorenging; aber sowas ging auch letztes Jahr beim Krienen-Desaster immer verloren bei der Freischaltung.) Hier die fehlenden Teile:

Der Herr Frank weiß nicht nur nicht viel über Trans-Leute, er will anscheinend auch nichts drüber wissen. (Nebenbei, seltsam, ehrlich gesagt, das ist nach dem Tanja-Krienen-Desaster im letzten Jahr schon das zweite Mal, daß die TAZ solchen Trans-Hass-Meinungen Platz einräumt.)

Menschen, die ihr angeborenes Geschlecht als unpassend empfanden, [...]

[...] Warum sollte es denen auch schlechter gehen, als z.B. denen, die vor dem Wechsel geboren wurden, oder Kindern, die von einem schwulen oder lesbischen Paar aufgezogen werden? Oder mag Herr Frank sowas auch nicht? In dem Falle, was schreibt er ausgerechnet in der TAZ?

Wißt ihr, bei der Bild oder so erwarte ich ja nix anderes, aber bei der taz finde ich sowas immer besonders unpassend. Den Anspruch von Würde und Freiheit und solchen schönen Sachen stellen die anscheinend lieber an andere als an sich selber. Schade eigentlich.

Doch noch Hoffnung für die taz? Update 4.7.08, 20:00 Uhr

Es gibt vielleicht ja doch noch Hoffnung für die taz: Nachdem ich heute Mittag der/dem KommenarfreischalterIn den Link zu dieser Seite hier schickte (zusammen mit meinen wie üblich leicht bissigen Anmerkungen) fand sich eben genau dieser Link (ohne Anmerkungen) in den Leserkommentaren. Und da dort normalerweise gar keine Links geduldet sind (verständlicherweise), und kritisches gerne mal verschwindet, muß man das als kleines Wunder bezeichnen.

Natürlich, für die taz gab es auch im letzten Jahr durchaus etwas mehr Zunder, als alleine die Leserkommentare auf der Webseite. Und auch dieses Mal dürften die Leserkommentare wieder nicht alles gewesen sein, man hörte nicht nur von Verweisen auf die anderen Kontaktmöglichkeiten zur taz, sondern auch von Aufrufen zur Abo-Kündigungen. Lernfähigkeit ist ja auch was wert!

An anderer Stelle, auf einer Mailingliste, hingegen waren mal wieder wunderbare Beispiele zu bewundern von Toleranz. Es wurde klargestellt: Ein Transmann, der schwanger wird, egal ob gewollt oder ungewollt, ist nicht richtig transsexuell. Jawohl. Weil man anscheinend, um richtig transsexuell zu sein, am besten schon vor der ersten Testosteron-Spritze zum Arzt rennen sollte und sich die Eingeweide entfernen lassen sollte. Weil wenn man die noch hat, ist man auch nicht richtig transsexuell. (Daß das kaum ein Arzt machen würde an der Stelle ist scheins auch egal.) Wie gut daß wir das jetzt wissen! Was stört es da, daß die sich im Schnitt nach der dritten Spritze eh nicht mehr bemerkbar machen, und die Entfernung deshalb für etwa +90% der Transmänner die reine Krebsvorsorge ist. Richtige Transsexuelle wollen gefälligst unter's Messer, egal wie dringend oder sinnvoll das ist. Und dann fragen sich die Leute, warum ich erst gar nicht als "transsexuell" bezeichnet werden will ...