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Zentrale Anlaufstelle Transidentität
des Landes Nordrhein-Westfalen
Projektleitung: Helma Katrin Alter
Einführung
- Was ist Transidentität
- Zur Situation in Deutschland/NRW
- Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen
- Die Lage von Ärzten und Psychotherapeuten/Psychologen
- Transidentität und Gesellschaft
Was ist Transidentität?
Transidentität - Juristen und Mediziner sprechen immer von Transsexualität,
was aber nur einen Teil der Betroffenen betrifft, - ist das Gefühl einer,
von der "Norm" abweichenden Geschlechtsidentität. Dieses Gefühl kann z.B.
zu der inneren Sicherheit führen, einem anderen Geschlecht anzugehören,
als dem, dem man entsprechend der biologischen Merkmale bei der Geburt
zugeordnet wurde. Eine Mann-zu-Frau-Transidentin (transsexueller Mann)
ist biologisch männlich, fühlt sich aber weiblich, in letzter Konsequenz
als Frau. Ein Frau-zu-Mann-Transident ist biologisch weiblichen Geschlechts,
hat aber das seelische Empfinden ein Mann zu sein. (Der Begriff „biologisch"
bezieht sich dabei nur auf die körperliche Zuordnung und läßt hirnorganische
Zuordnungen außer Betracht. Durch die Ergebnisse neuerer Forschungen liegt
jedoch die Vermutung nahe, daß das was noch heute von den Medizinern als
Transsexualität bezeichnet wird, die psychische Zuordnung zum anderen
Geschlecht, in Wirklichkeit eine Form der hirnorganisch bedingten Intersexualität
ist.)
Dieses Gefühl ist nicht unbedingt gebunden an eine besondere Form von
sexuellen Wünschen, an die Vorliebe Kleidung des anderen Geschlechts zu
tragen und erst recht nicht an den Gebrauch von Makeup. Natürlich ist
es ein häufiges Erscheinungsbild, in der Erkennungs- und Übergangsphase
zur Akzeptanz der eigenen Transidentität, sich oft sehr extrem dem optischen
Erscheinungsbild des Wunschgeschlechtes anzupassen. Die Intensität dieses
Verhaltens ist aber kein ausreichender Maßstab für die Beurteilung des
inneren Leidensdrucks.
Dieses Herauslösen Transsexueller aus der ganzen Gruppe der Transidenten,
zu denen auch - wie schon im Vorwort gesagt - Crossdresser, Transgenderisten,
Androgyne und Intersexuelle gehören, kommt es zu teilweise sehr grotesken
und belastenden Ausgrenzungen und Abgrenzungen innerhalb der Gruppe der
Betroffenen und der Gesellschaft.
Transidentität ist auch etwas anderes als Homosexualität. Natürlich wird
eine Mann-zu-Frau-Transidentin, die nicht homosexuell ist, ihre sexuellen
Wünsche auf die Partnerschaft mit einem Mann ausgerichtet erleben. Solange
sie noch im männlich entwickelten Körper lebt, muß optisch der Eindruck
von homosexueller Neigung entstehen. Der Homosexuelle fühlt sich aber
sexuell von Personen des gleichen Geschlechts angezogen. Der Versuch einer
Partnerschaft zwischen einer Mann-zu-Frau-Transidentin und einem homosexuell
ausgerichteten Mann ist zum Scheitern verurteilt. Im Fall eines Frau-zu-Mann-Transidenten
wird entsprechend der Eindruck einer lesbischen Beziehung entstehen, so
lange er sein „coming out" nicht hatte.
Transsexualität hat primär nichts mit Sexualität zu tun, deshalb sprechen
wir auch hier von Transidentität. Der Transident hat das Gefühl, in seinem
Körper nicht zuhause zu sein. Er gehört wirklich dem anderen Geschlecht
an. Der Widerspruch zwischen körperlichem Erleben, sowie äußerem Erscheinungsbild
und dem inneren Erleben der eigenen Persönlichkeit führt beim Transidenten
zwangsläufig zu enormen Spannungen. Er möchte dem anderen Geschlecht angehören
und muß seinen Körper und sein Erscheinungsbild verändern, um diese Spannungsgefühl
zu überwinden, um bei sich selbst zuhause zu sein! Häufig ist er, in der
Phase des Erkennens und Akzeptierens, nicht mehr in der Lage zu unterscheiden
zwischen dem eigenen, inneren Druck und dem Druck, dem er sich von der
Außenwelt, der Gesellschaft ausgesetzt sieht.
Transidenten haben mit der Hilfe von Psychiatern immer wieder probiert,
den eigenen Körper zu mögen und zu lernen ihr biologisches Geschlecht
zu akzeptieren. Solche Versuche sind stets gescheitert - in manchen Fällen
endeten sie mit Suizid! Für Transidenten besteht in den meisten Fällen
der einzige Weg in einer Kette von psychologischen, hormonellen und chirurgischen
Behandlungen, um den Körper dem psychischen Identitätsgeschlecht anzupassen.
Obwohl diese Behandlungen selten ein perfektes Ergebnis bringen, wird
dem Transidenten dadurch geholfen und sie können, in den meisten Fällen,
glücklicher leben.
Zur Situation in Deutschland/NRW
In Deutschland soll es 6.000 bis 8.000 betroffene Menschen geben. Diese
Zahlen, 1983 für die alten Bundesländer erstellt, müssen jedoch falsch
sein. Es wurden nur chirurgisch behandelte Betroffene erfaßt. Operationen,
die im Ausland stattfanden, sind in diesen Zahlen nicht enthalten. Ebenso
fehlen Personen, die für sich eine stabile Lösung oder Zwischenlösung
ohne Operation gefunden haben - unabhängig davon, wie lange diese hält.
Nach den uns heute zugänglichen Statistiken und Hochrechnungen, gestützt
auf Untersuchungen in den USA, bzw. den Niederlanden, müssen es in der
Bundesrepublik ca. 170.000 Betroffene sein. Anteilig umgerechnet leben
damit allein in NRW zur Zeit ca. 35.000 bis 40.000 Transidenten! Viele
Betroffene aller Entwicklungsstadien, vom ersten Erkennen der eigenen
Transidentität bis hin zum vollständig operierten Transidenten, leben
in der Anonymität, können also von Statistiken nicht erfaßt werden (sind
in den umgerechneten Zahlen aber enthalten).
Uns ist bewußt, daß diese Hochrechnungen, vor allem von den Krankenkassen,
angezweifelt werden. Verständlicherweise geschieht dies unter dem enormen
Kostendruck, der daraus sichtbar wird. Gesellschaftspolitisch gesehen
ist dies jedoch eine "Milchmädchenrechnung"! Glücklich und erfolgreich
lebende Transidenten, akzeptiert von der Gesellschaft, erhalten sich ihre
Leistungsfähigkeit und sind in der Lage, ihren Teil zum Bestand der gesellschaftlichen
Strukturen beizutragen. Statt das soziale Netz auf Dauer zu belasten,
würden sie, nach einer Übergangsphase, in der sie Geld kosten, das Netz
mit tragen können.
In den Medien wurde in den letzten Jahren einiges über Transidentität
berichtet. Doch diese Berichte erreichen die in der Isolation lebenden
Betroffenen oft nicht. Weitere Informationen sind ihnen nicht zugänglich.
Dadurch entstehen sehr häufig psychische Erkrankungen, psychosomatische
Folgeschäden sind die Regel. Durch die starken Überbelastungen verlieren
diese Menschen ihre soziale Bindung und belasten infolge dessen verstärkt
das soziale Netz, ohne daß die wirkliche Ursache der Belastung erkannt
wird.
Bei allem guten Willen, der den Medien an dieser Stelle bewußt unterstellt
werden soll, leidet ihre Arbeit zur Aufklärung der Öffentlichkeit aber
unter verschiedenen gesellschaftsbedingten Mängeln. Durch das von Wissenschaft
und Justiz geprägte Wort der "Transsexualität" ist die Erwartungshaltung
vorgegeben, eine Information über das Thema müsse etwas mit Sexualität
zutun haben. Transidentität sprengt das in den Köpfen der Menschen eingeprägte
"Schubladendenken" von "Mann und Frau"! Diese Prägung geht durch alle
Schichten der Bevölkerung, also gilt sie auch für Juristen, Mediziner,
Psychologen und Politiker. In Folge dessen müssen sich die Medien, soll
ihre "Botschaft" gesehen, gehört oder gelesen werden, mit Extremfällen
- im positiven, wie auch im negativen Sinne - beschäftigen. Dabei kommt
die Lage der "normalen" Transidenten leicht "unter die Räder".
Die Medien hinterlassen, nach einer Berichterstattung, zwangsläufig Betroffene,
Mitbetroffene und alle anderen Zuschauer mit ihrer Phantasie alleine.
Dies ist eine nicht veränderbare Tatsache! In den meisten Fällen sind
sich die Verantwortlichen dieses Effektes bewußt und versuchen ihn durch
die Bekanntgabe von Kontaktadressen und Selbsthilfeeinrichtungen zu kompensieren,
erreichen damit aber erfahrungsgemäß nur wenige Betroffene, nicht aber
hilfswillige Personen, Vereinigungen oder Behörden. Nur in ganz seltenen
Fällen machen "normale" Bürger von einem Angebot zur weiteren Information
Gebrauch, um auch betroffenen Menschen zu einem menschenwürdigen Dasein
zu verhelfen.
Die Medien können sich in ihrer Arbeit auf keine "gesicherten Erkenntnisse"
stützen. Es gibt keine zentrale Informationsstelle! Sie sind auf Einzelschicksale
und die Aussagen von Einzelpersonen der Betreuungsarbeit angewiesen! Unseres
Erachtens ist dies für betroffene und mitbetroffene Menschen ein unhaltbarer
Zustand. Bemühungen, auf Bundesebene hier eine Veränderung zu erreichen
sind bisher gescheitert. Unsere auf Ein- und Abgrenzen ausgerichtete Gesellschaft
läßt dies bisher nicht zu!
Als weiteres Manko einer wirksamen Medienarbeit, um Betroffenen zu helfen
und Helfer zu ermuntern, muß die "Wissenschaftsgläubigkeit" in unserer
Gesellschaft angeprangert werden. "Weil nicht sein kann, was nicht sein
darf" und Transidentität sich bisher einer wissenschaftlichen Erklärung
scheinbar entzieht, stehen selbst die besten Versuche einer Sensibilisierung
der Gesellschaft für dieses Problem auf fast verlorenem Posten. Transidentität,
ein normaler Teil der Schöpfung, bleibt so im Bereich des Irrationalen,
Exotischen - eben genau dort, wo sie in keinem Fall hingehört!
Selbsthilfeeinrichtungen und Beratungsstellen
Die wenigen Selbsthilfegruppen und die seltenen Beratungsstellen, ausgestattet
mit qualifiziertem Personal, sind hoffnungslos überlaufen. Für die Betreuung
und Öffentlichkeitsarbeit sind keine Finanzmittel vorhanden, der ehrenamtliche
und ideelle Einsatz einzelner kann hier alleine keine Abhilfe schaffen.
Für den Aufbau eines flächendeckenden und qualifizierten Beratungsnetzes,
im unmittelbaren Umfeld der Betroffenen, fehlt die Bereitschaft zur Sensibilisierung
der Gesellschaft, hier vor allem im Bereich von Gesundheitsfürsorge, Soziales
und Arbeit, und die Ausstattung mit finanziellen Mitteln um entsprechende
Bildungsangebote zu machen!
Gelingt es trotz aller Widrigkeiten, die sich aus ihrer persönlichen
Situation ergeben, betroffenen Menschen eine Selbsthilfeeinrichtung aufzubauen,
so sind sie doch den Zwängen ihrer eigenen Erlebniswelt verfangen. Eingrenzung
und Abgrenzung, als vermeindlich notwendiger Schutz vor den Einflüssen
der Gesellschaft, die ihnen ihren persönlichen Weg so schwer gemacht hat,
führt zu einer neuen Form der Isolation! Für andere Betroffene sind solche
Selbsthilfeeinrichtungen, selbst wenn sie eine gute Arbeit leisten, wieder
nicht erreichbar!
Beratungseinrichtungen, z.B. angesiedelt bei "Pro Familia", stehen voll
im Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten, sich aus Quellen der medizinischen
Betreuung und den Erfahrungen von Betroffenen zu bewegen. Dabei spielt,
ohne daß dies als Vorwurf verstanden werden sollte, die Altersstruktur
der an der Beratung Beteiligten eine wesentliche Rolle. Unabhängig davon
steht und fällt aber die Möglichkeit, Transidenten zu helfen, mit der
Möglichkeit von Information über soziale und medizinische Hilfe! Guter
Wille alleine, so wichtig er in dieser Lage ist, hilft hier nicht weiter!
Die in NRW an den Universitäten Essen, Münster und Aachen eingerichteten
Stellen für Beratung und Kurzdiagnostik, eingerichtet nachdem dieser Projektantrag
gestellt wurde, habe keine entscheidenden Fortschritte gebracht. Sie können
aufgrund ihrer sonstigen Verpflichtungen und der Einbindung in Behandlung
und Forschung keine Öffentlichkeitsarbeit machen. Sie sind weder bei Betroffenen
noch Ärzten ausreichend bekannt. Der Handlungsspielraum beschränkt sich
außerdem auf Medizin und Psychologie, also nur auf einen Teil der realen
Probleme, mit denen sich Transidenten auseinander setzen müssen.
In Deutschland - auch in NRW - gibt es keine Angebote für Qualifizierung
und Information zum Thema "Transidentität"! Angesichts der verleugneten
Zahl Betroffener - doch auch das Verleugnen hilft hier nicht - ist dies
auf Dauer ein unhaltbarer Zustand. Eine bundeseinheitliche Lösung scheint
derzeit noch nicht erreichbar. Transidenten haben aber, wie alle Menschen
unserer Gesellschaft, ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben! Selbsthilfeeinrichtungen
und Beratungsstellen müssen demnach mit den nötigen Mitteln zu einer effektiven
und qualitativen Arbeit ausgestattet werden! Wer dies nicht akzeptiert
nimmt auch in Zukunft in Kauf, daß leistungsfähige Menschen die Gesellschaft
belasten, obwohl sie in der Lage wären, sie mit zu tragen, oder aber durch
Suizid - den schlechtest möglichen Weg - sich dieser Gesellschaft, in
der Menschen scheinbar nichts mehr gelten, entziehen!
Die Lage von Ärzten und Psychotherapeuten/Psychologen
Gesetze sind, so sollte es im "Normalfall" sein, ein Spiegel der gesellschaftlich
anerkannten Norm! Im Fall der Transidenten scheint dies jedoch sehr zweifelhaft.
Das Transsexuellengesetz aus dem Jahre 1980 (TSG) ist im Widerspruch zur
allgemein gültigen gesellschaftlichen Norm eingeführt worden. So notwendig
wie die Einführung war, so sicher ist auch, daß sich an der Einstellung
der Gesellschaft nichts geändert hat! Dies trifft auch für die Personengruppe
der Ärzte und Psychotherapeuten zu. Daraus einen Vorwurf zu formulieren
wäre jedoch ebenso falsch, wie sich mit dieser Situation abzufinden.
Seit der Verabschiedung des TSG gab es mehrere Urteile, die die Rechte
von Transidenten in das rechte Licht der Menschlichkeit setzten! Was aber
kann dies einzelnen Betroffenen nützen - verunsichert durch den Widerspruch
zwischen Erziehung und eigenem Empfinden - nicht wissend, inwieweit sich
Ärzte und Psychologen in ihren eigenen Lebensbildern verstrickt haben?
Wie stark diese Verstickung ist zeigt sich auch in den Ende 1997 veröffentlichten
„Standards of Care" der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin. Wie
sonst wäre der unheilvolle Versuch zu erklären das Transsexuellengesetz
als Alibi für bestimmte Behandlungsschritte zu „mißbrauchen".
Im Prinzip weiß jeder Bürger unseres Staates, daß es das "Phänomen"
der Transidentität (Transsexualität) gibt - aber doch nicht in der eigenen
Familie, doch hoffentlich nicht in der Nachbarschaft! Dieses Muster und
Denkschema ist natürlich auch jedem selbst Betroffenen eingepflanzt, er
oder sie sind ja in diese Gesellschaft hineingeboren, ohne sich entscheiden
zu können. Es ist aber auch in die Köpfe der Experten - wissenschaftlich
anerkannten Persönlichkeiten - eingepflanzt! Können sie sich von ihrer
eigenen Entwicklung soweit trennen, daß es ihnen möglich ist, andere Lebensperspektiven
zuzulassen? Können sie für sich zulassen, daß das im Studium gelernte
Modell von "Mann und Frau" in Frage gestellt wird?
Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen stehen im wesentlichen in einem
völlig rechtsfreien Raum! Dies führt zwangsläufig zu einer "Crash-Situation"!
Ärzte behandeln Transidenten, im Grunde genommen gesunde Menschen, als
Patienten. Sie verordnen Medikamente deren Wirkung unsinnig ist, wohl
wissend, daß die Nebenwirkungen, vor denen gewarnt wird, den gewünschten
Effekt der körperlichen Anpassung auslösen. Andere Ärzte. bisher ohne
Erfahrung mit Transidenten, kommen in den persönlichen Zwiespalt zwischen
Neugier und Hilfsbereitschaft. Unabhängig davon, ob sie sich der Tragweite
dieser Situation bewußt sind, mit ihr verantwortungsvoll umgehen wollen,
muß die Frage erlaubt sein, ob dies den Betroffenen wirklich dienlich
sein kann, gerecht wird? Ein Aufrechterhalten dieses Zustandes kann nicht
im öffentlichen Interesse liegen.
Neurologen und Psychotherapeuten, sowie Psychologen, sind gegenüber Transidenten
in einer ungewöhnlichen, ja sogar paradoxen Situation. Als Gutachter sollen
sie für Justiz und medizinischen Dienst etwas bescheinigen, das sie nicht
erklären können, was nur der "Patient" weiß. Als Helfer sollen sie etwas
verstehen, was sich dem Verstand entzieht. Was sie sofort sehen ist, daß
Transidenten unter Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen leiden -
worunter denn sonst? Es ist völlig normal, daß sich Ärzte und Psychologen
in dieser Lage zunächst an die Persönlichkeitsstörung als zu behandelnde
"Krankheit" klammern, dem Transidenten und seiner eigenen Problematik
kann dies jedoch nicht gerecht werden.
Im Umkehrschluß stehen Ärzte und Psychotherapeuten aber wieder vor einem
Dilemma. Akzeptieren sie das transsexuelle Empfinden des Menschen und
erkennen gleichzeitig die dadurch hervorgerufenen Probleme, wollen sie
dies auch "behandeln", weil sie wissen, daß es keinen tragfähigen Weg
ohne Behandlung und Stabilisierung gibt, dann stoßen sie zwangsläufig
auf den Widerspruch des betroffenen Menschen! Soziale und persönliche
Stabilisierung - neben der geschlechtsanpassenden Behandlung - ist aber
eine wichtige flankierende Maßnahme für betroffene Menschen. Sie kann
aber nur greifen, wenn das gegenseitige Vertrauen vorhanden ist.
Für vertrauensbildende Maßnahmen fehlen aber beiden Seiten, Helfern und
Patienten, die notwendigen Informationsquellen. Es fehlen ihnen die Spielräume
einer sich ändernden Gesellschaft, erkennend, daß sich alle wissenschaftliche
Erkenntnis immer wieder mit dem "Störfaktor Mensch" auseinandersetzen
muß. Gerade deshalb ist der Einsatz von Helfern so segensreich und mörderisch
zugleich!
Helfer - Ärzte, Psychotherapeuten und Psychologen - befinden sich aber
auch in einem rechtsfreien Raum. Die Kostenfrage ist geklärt, die Verantwortlichkeit
und Haftung aber nicht! Ungeklärt ist auch die Möglichkeit der Aus- und
Weiterbildung, der Informationswege und der Kontaktaufnahme zum Gedankenaustausch.
Daß trotzdem bisher soviel effektive Hilfe möglich war ist schon fast
ein Wunder!
Transidentität und Gesellschaft
Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität - Transidenten - haben
zwangsläufig eine andere Sicht zu ihrer Umwelt, als andre Menschen! Auf
diesen Aspekt detailliert einzugehen sprengt den Rahmen dieser Einführung
(siehe "Erziehung, Moral und Gesellschaft"). Sie haben aber, wie alle
Menschen, den Anspruch auf ein menschenwürdiges Leben, garantiert durch
das Grundgesetz! Sie sind Teil der Gesellschaft, zunächst Teil einer Familie.
Wird ihnen bereits in der Entwicklung ihre Transidentität bewußt, so entstehen
die Belastungen in der Familie, in der Wechselwirkung zwischen Normvorstellungen
und Akzeptanz des eigenen "Fleisch und Blut".
Gerade in dieser Entwicklungsphase gibt es in Deutschland keinerlei Hilfen
oder Informationen für die Betroffenen und Mitbetroffenen! Dies gilt auch
für unser Bundesland Nordrhein-Westfalen! Da die Normvariante "Transidentität"
von der Gesellschaft ignoriert wird sind Eltern und betroffene Kinder
auf sich alleine gestellt, Kinderärzte werden nicht für das Problem sensibilisiert!
Pädagogen und Sozialarbeiter für Kinder- und Jugendbetreuung bleiben zwangsläufig
blind, suchen in Fällen von auftauchenden Problemsituationen stets in
der falschen Richtung. Daraus ist ihnen kein Vorwurf zu machen! Es fehlt
einfach die Sensibilisierung für eine Früherkennung des Phänomens und
eine notwendige Ausbildung der "Helfer".
Die Transidenten selbst aber entwickeln sich in dieser, unserer Gesellschaft,
unterliegen ihren Werten und Normvorstellungen. Die Entstehung von Psychosen
und Neurosen ist programmiert! Auf der anderen Seite wird aber gerade
diese "normale" Entwicklung von der Gesellschaft ignoriert oder sogar
abgelehnt. Wenn sich trotzdem so viele Transidenten entwickeln können
zeugt dies eindeutig von ihrer relativ gesunden Einstellung zum Leben.
Ihre Entwicklung ist trotz der Gesellschaft, nicht durch sie möglich.
Der persönliche Preis - und der gesellschaftliche - der dafür bezahlt
werden muß erscheint uns aber zu hoch und überflüssig.
Es gibt andere Wege, wie wir miteinander umgehen können! Diese zu zeigen
und zu beschreiten ist Ziel des vorgestellten Pilotprojektes für NRW!
(C) Helma Katrin Alter
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