|
Deutsche
Gesellschaft für Transidentität
und Intersexualität e.V.
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Vorurteile kontra Grundgesetz
Religion Kultur und Menschenrechten im Zusammenhang mit der Betrachtung von Ehe und Partnerschaft. Eine Veröffentlichung von Helma Katrin Alter, Bundesgeschäftsführerin der dgti, Beratungsstelle NRW in Köln. Inhalt
Vorurteile kontra Grundgesetz Transgender in Ehe und Partnerschaft
|
![]() |
mit diesem Symbol bezeichnen wir eine Frau, oder
eben weiblich. Doch dieses Symbol bietet bereits Angriffsflächen.
Ist es das Kreuz, was Weiblichkeit symbolisieren soll oder ist es
in erster Linie die Richtung?
Im Folgenden definiere ich: Die Richtung steht für
Frau, das Kreuz für biologisch weiblich (im Sinne der genitalen
Ausformung). |
![]() |
mit diesem Symbol bezeichnen wir einen Mann, oder eben männlich. Dieses Symbol bietet die gleichen Angriffsflächen. Ist es der Pfeil, der Männlichkeit symbolisieren soll oder ist es in erster Linie die Richtung? Im Folgenden definiere ich: Die Richtung steht für
Mann, der Pfeil für biologisch männlich (im Sinne der
genitalen Ausformung). |
Cis bedeutet in diesem Sinne:
Im Gegensatz zu Cisgender stehen Transgender - Transfrauen, Transmänner und Intersexuelle (wobei ich später Cisintersexuelle und Transintersexuelle noch unterscheide).
Bitte ordnen Sie nun die folgenden Gendersymbole richtig zu:
![]() |
Transfrau, genital bedingt zunächst männlich zugewiesen und entsprechend erzogen. Dieser "Mann" empfindet sich aber weiblich. |
![]() |
Transmann, genital bedingt zunächst weiblich zugewiesen und erzogen. Diese "Frau" fühlt und erlebt sich jedoch männlich. |
![]() |
Intersexuell - pseudocis - unabhängig davon ob die Zuweisung mit oder ohne genitalen Eingriff erfolgte. |
![]() |
Intersexuell - pseudotrans - da die Zuweisung, mit oder ohne genitalen Eingriff, nicht als das persönliche Geschlecht empfunden wird. |
Hinweis zu den beiden letzten Symbolen:
Es wird dabei der Zustand von Intersexuellen beschrieben, unabhängig davon, ob sich der "Zustand" der Intersexualität schon bei der Geburt zeigte oder erst zu einem späteren Zeitpunkt deutlich wurde. Es soll hier aber vor allem daran erinnert werden, dass auch heute noch bei sofortiger Sichtbarkeit der Intersexualität es zu Fremdzuweisungen kommt. Der Hintergrund für solches Handeln ist die irrige Ansicht, ein eindeutiges Genitalbild und eine konsequente Erziehung könnten auch ein eindeutiges Geschlechtsempfinden hervorrufen. (Der "Expertenstreit" darüber ist in der Zwischenzeit auch in Deutschland entbrannt. Betroffene reklamieren zu recht, dass eine Zwangszuweisung in jedem Fall gegen die Menschenrechte und das Grundgesetz verstoßen, auch wenn einige das Glück hatten so zugewiesen zu werden, wie sie sich dann auch real gefühlt haben. Wir sollten aber nie vergessen, was Art. 19 GG aussagt.)
Die Anwendung der Geschlechtssymbole auf Intersexuelle wäre auch in der Richtung zu überlegen, ob es nicht auch erforderlich ist z.B. dem Pfeil die Spitze zu nehmen oder dem Kreuz den Querbalken. Es kann dann aber nicht um ein drittes Geschlecht gehen, sondern eben darum, dass jeder Mensch sein natürliches Geschlecht hat, auch wenn dieses sich nicht in unsere Schemen einordnen lässt.
Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer an diesem Workshop ist davon ausgegangen, dass die Definition von 2 Geschlechtern richtig und ausreichend ist. Sie unterstellten auch, dass dies ausführlich wissenschaftlich beschrieben und begründet sei. Umso größer war der Schock feststellen zu müssen, dass dies eben nicht so ist. Natürlich haben Teile der Wissenschaft dies längst zur Kenntnis genommen. Kulturell, sozial, medizinisch und psychologisch gesehen ist aber ausschließlich, nach wie vor, das Zweigeschlechtermodel bekannt. Um dies aufrecht zu erhalten wird alles andere als krankhaft definiert, was aber natürlich einen "Heilungsanspruch" setzt, der sich sowohl im Verhalten von Betroffenen widerspiegelt, als auch im Handeln von "Helfern". Die "natürliche" Fähigkeit zeugen können ist gleich Mann, gebären können ist gleich Frau, wird mit Geschlechtsidentität gleichgesetzt. Dabei wird aber die Natur (die ich hier als gläubige Christin mit Schöpfung gleichsetze) auf ein kulturell, religiös geprägtes Bild verengt und die Menschenrechte mit Füßen getreten.
Die Verengung verstößt gegen Art. 1 und 2 des Grundgesetzes, denn damit wird sowohl die Würde des Menschen "fremdbestimmt" als auch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt. Dies geschieht beim Blick der Hebamme natürlich nicht vorsätzlich, sich aber gegen alle wissenschaftliche Kenntnis starr an diesen Blick zu klammern ist Vorsatz.
Schon bei dieser ersten Erkenntnis musste das Spektrum von Geschlecht auf die Zahl 4 erhöht werden. Die Ratlosigkeit bestand nun darin, wie diese Erkenntnis umgesetzt werden muss, in einem Gesellschafts- und Rechtssystem, wie es derzeit bei uns besteht.
Dann aber kamen noch die Fälle hinzu, die eben keine eindeutige Aussage der Hebamme ermöglichten, oder bei denen sich im Laufe der Entwicklung des Menschen herausstellt, dass eine eindeutige Festlegung im Zweigeschlechtermodell nicht möglich ist, all jene, die unter Intersexuellen zusammengefasst werden müssen. Waren aus 2 zunächst 4 geworden, so kamen nun noch mindestens 6 weitere hinzu (wenn man in einem "Grobraster" bleibt). Die Forderung nach einem 3. Geschlecht, wie sie manchmal erhoben wird, löst also nicht ein aktuelles Problem, im Gegenteil sie schafft lediglich neue Probleme. Wenn Geschlecht und Identität auf dem Prüfstand stehen, dann ist es eben nicht möglich eine "einfaches" falsches Modell der Zweigeschlechtlichkeit durch ein "neues" Modell einer Dreigeschlechtlichkeit zu ersetzen. Die Bedeutung und "richtige" Einordnung von Geschlecht steht auf dem Prüfstand.
In dem Arbeitsblatt waren zunächst nur die Symbole für Cisintersexuelle und Transintersexuelle als Sammelbegriff dargestellt. Cisintersexuelle können weiblich oder männlich sein oder sich beiden/keinem Geschlecht real zugehörig empfinden. So wie jedes Baby bei der Geburt einem Geschlecht zugewiesen wird, geschieht dies auch bei Intersexuellen. Dies kann, weil die Intersexualität zunächst nicht erkannt wird, ohne medizinische und chirurgische Eingriffe erfolgen und zufällig mit der eigenen Identitätsentwicklung zusammenstimmen (was dann eben Cis rechtfertigt) oder mit Eingriffen, unabhängig davon ob sie real notwendig und zu diesem frühen Zeitpunkt gerechtfertigt sind, und dann zufällig auch mit der Identitätsentwicklung zusammenstimmen. Die Zuweisung kann als männlich oder weiblich erfolgt sein. Bei Cisintersexuellen erhalten wir so mindestens 3 Geschlechter.
Bei Transintersexuellen sind Zuweisung und Identitätsentwicklung gegenläufig, egal ob die Zuweisung mit oder ohne medizinische Eingriffe erfolgte. Es ergeben sich wiederum mindestens 3 Geschlechter.
Nachdem die Diskussion über Geschlecht und die Zahl von Geschlechtern deutlich gemacht hatte, dass wir von mindestens 10 verschiedenen Geschlechtern ausgehen müssen (ein Wissenschaftler, an dessen Namen sich leider niemand erinnern konnte, hat einmal bei 76 Geschlechtern aufgehört weiter zu zählen) wenn wir uns der Frage annehmen, wie und aus welchen Gründen Partnerschaften eingegangen werden und wie diese dann vor allem einzuordnen seien, aus kultureller und menschenrechtlicher Sicht, waren alle auf den nächsten Schritt der Arbeit gespannt.
Bei auf Dauer angelegten Partnerschaften gehen wir davon aus, dass diese in erster Linie, auf "natürliche" Weise, darauf angelegt sind der Fortpflanzung zu dienen, also nur zwischen einem Mann und einer Frau eingegangen werden können. Diese Annahme stützt sich auf unsere kulturellen Vorgaben, abendländisch christlich geprägt und in Erziehung und Bildung so weiter transportiert, ungeprüft und unhinterfragt (also auch nicht wissenschaftlich).
Eine derartige heterosexuelle Partnerschaft, die Ehe, galt als die einzige natürliche Lebensform, obwohl schon immer bekannt war, dass es andere Lebensformen der Partnerschaft gibt und gab. Solche anderen Lebensformen wurden aber stets unter den Gesichtspunkten unserer Kultur interpretiert, bis hin zum Begriff des ausschweifenden und unsittlichen Lebens mit "Lustknaben" oder sexueller "Verirrungen". Andere Interpretationen ließ unsere Kultur nicht zu, vor allem nicht die religiöse Prägung und Grunderziehung, die als Gottgegeben unterstellt wurde (und hat sich damit teilweise ihre "Täter" selbst geschaffen). Nur auf diesem Hintergrund lässt sich auch erklären, warum es bei schwulen Lebensgemeinschaften sogar dazu kam, dass diese kriminalisiert wurden. Jahrzehntelang hat auch die Wissenschaft behauptet, dass Homosexualität eine krankhafte "Verirrung" von Menschen sei. (Auch Intersexualität und "Transsexualität" werden noch heute als krankhaft und damit scheinbar heilbar dargestellt. Es sieht so aus, dass auch hier die Wissenschaft erst von den "Betroffenen" gezwungen werden muss ihre Positionen zu überdenken und zu revidieren, Gott sei Dank mit langsam beginnendem Erfolg. Die Schöpfung ist nicht so begrenzt in ihren Möglichkeiten, wie es ihre Geschöpfe glauben machen wollen.)
Zurück zu den Partnerschaften erkennt die Wissenschaft inzwischen drei verschiedene Formen an:
![]() |
die heterosexuelle Lebensgemeinschaft, gebildet durch eine Cisfrau und einen Cismann, genannt Ehe. |
![]() |
die homosexuelle Lebensgemeinschaft, gebildet durch zwei Cisfrauen, eine lesbische Lebenspartnerschaft. |
![]() |
die homosexuelle Lebenspartnerschaft, gebildet aus zwei Cismännern, eine schwule Lebenspartnerschaft. |
Es gibt aber nicht nur Lebensgemeinschaften von Cisfrauen und Cismännern, auch Trans* und Intersex* gehen Lebensgemeinschaften ein. Der Mensch ist nicht in erster Linie ein Einzelgänger. Das Leben als Einzelgänger, heute gerne als Single bezeichnet, ist die Ausnahmen, aus verschiedenen Gründen.
Versuchen Sie bitte die folgenden Symbolkombinationen für eine Partnerschaft zuzuordnen und zu entscheiden:
Hinweis: Es folgen nun 12 Paarkombinationen, die noch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, obwohl wir bisher nur eine Form, die Ehe als "natürlich" und "erlaubt" gesehen haben, inzwischen aber per Gesetz drei Kombinationen zulassen. Alle diese Formen existieren aber real und ich bin ihnen in der Beratungspraxis auch schon begegnet.
![]() |
1. heterosexuell (da die Partner nicht das selbe
Geschlecht haben) 2. lesbisch (da es sich um 2 Frauen handelt) 3. je nach Rechtsstatus der Transfrau: Ehe oder Lebenspartnerschaft 4. ja, denn vorher erscheint die Transfrau öffentlich als Mann |
![]() |
1. heterosexuell (da die Partner nicht das selbe Geschlecht
haben) |
![]() |
1. homosexuell (die Partner haben das selbe Geschlecht) |
![]() |
1. homosexuell (die Partner haben das selbe Geschlecht) 2. schwul (es sind 2 Transmänner) 3. Lebenspartnerschaft "pseudolesbisch", Ehe oder schwule LP 4. je nach Rechtsstatus zum Zeitpunkt der Bildung der Partnerschaft kann es sogar zu mehreren Wechseln kommen, wenn das Outen nacheinander erfolgt |
Den folgenden 4 Paarungen ist gemeinsam, dass ein Partner Intersexuell - pseudocis ist. Dieser Partner lebt also, je nach Zuweisung, als Mann oder Frau. Dabei spielt es, entsprechend der Definition von Intersexuell - pseudocis, keine Rolle ob die Zuweisung mit oder ohne medizinische Eingriffe erfolgte. Entscheidend ist ausschließlich, dass sich dieser Mensch der Zuweisung entsprechend fühlt.
![]() |
1. heterosexuell 2. lesbisch, wenn der IS-Partner als Frau lebt 3. Ehe oder LP (siehe 2) 4. es kommt zu keinem Wechsel, wenn der IS-Partner zu seiner Zuweisung steht |
![]() |
1. heterosexuell |
![]() |
1. heterosexuell 2. ein "normales" Paar, wenn der IS-Partner als Frau lebt und der Trans-Partner noch nicht geoutet ist 3. die Partnerschaft ist eine Ehe 4. je nach Rechtsstatus des Trans-Partners eine Ehe oder lesbische LP |
![]() |
1. heterosexuell 2. ein "normales" Paar, wenn der IS-Partner als Mann lebt und der Trans-Partner noch nicht geoutet ist 3. die Partnerschaft ist eine Ehe 4. je nach Rechtsstatus des Trans-Partners eine Ehe oder schwule LP |
Die Gemeinsamkeit der folgenden Paarungen besteht darin, dass der IS-Partner pseudotrans ist. Er fühlt sich also, unabhängig davon, ob die Zuweisung mit oder ohne medizinische Eingriffe erfolgte, nicht dem zugewiesenen Geschlecht zugehörig. Das bedeutet, dass es bei ihm zu einem Outing kommen kann (und entsprechend der Paarung auch beim Partner, wenn dieser Trans* ist.)
![]() |
1. heterosexuell 2. lesbisch, wenn der IS-Partner als Frau zugewiesen wurde 3. pseudolesbische Lebenspartnerschaft 4. nach dem Outing des IS-Partners kann eine Ehe begründet werden |
![]() |
1. heterosexuell 2. schwul, wenn der IS-Partner als Mann zugewiesen wurde 3. pseudoschwule Lebenspartnerschaft 4. nach dem Outing des IS-Partners kann eine Ehe begründet werden |
![]() |
1. heterosexuell 2. "normal, wenn der IS-Partner als Frau zugewiesen und der Trans- Partner noch nicht geoutet ist 3. Ehe (da das Erscheinungsbild stimmt) 4. je nach Outig von einem oder beiden eine Ehe oder lesbische LP. |
![]() |
1. heterosexuell 2. "normal, wenn der IS-Partner als Mann zugewiesen und der Trans- Partner noch nicht geoutet ist 3. Ehe (da das Erscheinungsbild stimmt) 4. je nach Outing von einem oder beiden eine Ehe oder schwule LP. |
Keines der vorgestellten Partnerschaftsmodelle ist konstruiert oder unnatürlich oder krankhaft. Es spielt dabei auch keine Rolle, ob es im Augenblick nur ein reales Beispiel gibt oder Millionen, wie bei der Ehe. Wichtig erscheint mir zu akzeptieren, vor allem im Rahmen der psychologischen und therapeutischen Begleitung, dass es eben mehr "zwischen Sonne und Erde" gibt, als in unseren Lehrbüchern steht.
Ich darf nochmals daran erinnern, dass dies (nur) 15 Modelle für Partnerschaften waren, obwohl es doch noch bis vor kurzer Zeit nur eine "natürliche" Partnerschaft gab. Alle beschriebenen Modelle gab es auch schon vor dem Jahr 2001 (auch wenn es rechtlich die Eingetragene Lebenspartnerschaft noch nicht gab).
Es gibt auch Intersexuelle, die sagen: "Ich bin beides, weder Mann noch Frau oder eben Mann und Frau." Es gibt auch Tans*, die sagen: "Ich bin das eine Geschlecht nicht, lasse mich aber in das andere auch nicht zwingen." Diese Fälle wurden hier nicht berücksichtigt.
Bei der Bearbeitung der 15 vorgestellten Symbole für verschiedne Partnerschaftsmodelle wurden zwei erstaunliche Erfahrungen gemacht:
1. Nach kurzem Hineindenken in die Systematik fiel es recht bald leicht die Zuordnungen zu machen
2. Es wurde klar, dass dies nur eine Auswahl war, die in keiner Weise alle Möglichkeiten beinhaltet, die sich aus der vorherigen Geschlechtsdiskussion hätten bilden lassen.
Bei der Überlegung, warum die Zuordnungen relativ einfach waren, wurde bewusst, dass es an der graphischen Darstellung lag. Die Abstrahierung des "Problems" ermöglichte es sich davon frei zu machen, dass diese Paare in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft real existieren könnten. Damit wurden auch unterschwellige Ängste, aus der eigenen Erziehung und gesellschaftlichen Einordnung nicht angesprochen.
In dem Augenblick, wenn mit solchen Graphiken real existierende Menschen verbunden werden geht die "wissenschaftliche" Distanz verloren. Es werden diffuse Fantasien ausgelöst oder was noch schlimmer ist, für ein gutes Miteinander, diese Fantasien werden schon im Keim erstickt und nicht zugelassen. So können sie aber auch nicht bearbeitet und als Fantasie entlarvt werden. Was dann bleibt ist der Rückzug auf plakative Verallgemeinerung und der Versuch "normal" als normierenden Begriff einzuführen (bzw. sich auf eben diese Normierung zurückzuziehen und alles was nicht dazu passt als krank einzustufen).
Es war kein Problem die Partnerschaft zwischen "zwei Symbolen", bezogen auf die Fragenstellung, zu beschreiben. Erst im Gespräch wurde wieder deutlich, dass es sich um die Partnerschaft zwischen zwei Menschen handelt, die mitten unter uns leben. In diesem Moment wurde den Teilnehmern wieder klar, wie sie unter ihren "normalen" Vorstellungen und Bildern einengend denken und fühlen, also mit realen Vorurteilen an die Probleme herangehen ohne sich dieser Vorurteile bewusst zu werden (oder sie eben als Vorurteile zu erkennen und als solche zuzulassen).
Immer noch geistert in den Köpfen von Experten und Wissenschaftlern die Vorstellung es gäbe eine primäre und eine sekundäre "Transsexualität". Diese Vorstellung wird an äußeren Erscheinungsformen und einem bestimmten Entwicklungsverhalten des einzelnen Menschen festgemacht. Um diese falsche Differenzierung deutlich zu machen, muss ich hier die wesentlichen Kriterien dieser Differenzierung kurz darlegen.
1. primäre Transgender: Der Mensch ist von Anbeginn seiner Entwicklung deutlich auffällig im Bezug auf die zugewiesene Geschlechtsrolle und das im Gegensatz dazu gezeigte Geschlechtsverhalten. Je eindringlicher versucht wird das erwartete Geschlechtsverhalten durchzusetzen, umso intensiver wehrt sich der Transgender dagegen. Er nimmt auch Missachtung seines Umfeldes bis hin zur völligen Isolation in Kauf. Er leidet beständig und nachhaltig unter der Nichtakzeptanz seiner gefühlten Geschlechtsidentität.
2. sekundäre Transgender: Der Mensch wächst zunächst
unauffällig auf und versucht die zugewiesene Geschlechtsrolle auszufüllen.
Ein gewisses inneres Unbehagen bringt er nicht in erster Linie mit einer
Geschlechtsidentitätsstörung in Verbindung. Er ergreift häufig
einen geschlechtstypischen Beruf und geht eine Partnerschaft ein, mit
dem Ziel der Familiengründung. In Krisensituationen verstärkt
sich die Identitätsstörung und es kommt zum Bestreben die Geschlechtsrolle
zu wechseln. Sekundäre Transgender reißen so unschuldige Menschen,
auch eigene Kinder, mit in ihr Schicksal hinein.
(Zusammenfassung der Aussagen von Levin/1981, Sigusch/1980, Prof. Wille/1982, Bosinski/1994 u.a.)
Betrachten wir obige Darstellung unter der folgenden Aussage: "Als Ursache von "Transsexualität" werden insbesondere über das eigene Körpergeschlecht dessinformierende Sozialisationsprozesse in der frühen Kindheit vermutet (siehe u.a. B. Kamprad, Zürich 1991)", so wird klar, dass ein sexualwissenschaftlich und medizinisch falscher Denkansatz zu diesen Ergebnissen führt.
Der Fehler besteht darin, dass unterstellt wird: Eine eindeutige und ungestörte Geschlechtserziehung, mit den richtigen Vorbildern von Mann und Frau, würde auch zu einer ungestörten Geschlechtsidentität und der Annahme des zugewiesenen oder biologischen Geschlechtes führen. Diese Unterstellung führte so weit, dass alle Entwicklungen, die dies scheinbar bestätigten untersucht wurden und jede Abweichung von dieser These einfach ignoriert wurde (siehe Money/1950-74 kontra Diamond/1999).
Welche Auswirkungen hat aber nun dieses Pseudowissen, das leider auch heute noch universitär vermittelt wird, und als kulturelles und gesellschaftliches Wissen zur Verfügung steht, auf den einzelnen Transgender und die Partnerschaftssuche und Bildung einer Partnerschaft? Wenn wir uns dem unbefangen nähern wollen, dann ist es erforderlich, dass wir die Frage grundsätzlich angehen und nicht explizit nur im Hinblick auf Transgender. Wir dürfen uns dem Thema auch nicht sexualwissenschaftlich oder medizinisch nähern, sondern müssen es vor allem soziologisch und kulturell, sowie bedingt juristisch und biologisch betrachten.
Versuchen Sie bitte nun jeweils einige Gründe für Partnerschaftsbildung zu jeder Rubrik anzugeben. Denken Sie dabei bitte auch an sich selbst, Ihr Umfeld, Ihre weitere Familie und Ihre Freunde. Die Gründe können in verschiedenen Rubriken gleichzeitig auftauchen.
Kulturelle Gründe für eine Partnerschaft:
- Erziehung, Religion und Moral
- Erwartungshaltung der Umwelt und Stellung in Familie und Gesellschaft
Soziale Gründe für eine Partnerschaft:
- gegenseitige Absicherung, aber auch Abgrenzung gegen andere Menschen und Gruppen
- Erleichterung der Wohnungssuche, bedingt auch Arbeitsplatzsicherung
Juristische Gründe für eine Partnerschaft:
- Bevorzugung gesetzlich begründeter Partnerschaft durch den Staat
- besserer Leumund bei Krediten
Biologische Gründe für eine Partnerschaft:
- Fortpflanzungstrieb
- Besitzerinstinkt
Wenn wir bei Partnerschaft nun nur an Ehe, Kinder und Familie gedacht haben, dann handeln und denken wir überwiegend kulturell und unterschwellig biologisch triebhaft. Ohne den Sexualtrieb wäre die Menschheit sicher längst ausgestorben. Über diese Vorstellung erheben wir uns aber gerne moralisch und ethisch. Nicht selten erleben wir auch, dass sich der Mensch aus durchaus egoistischen Gründen in seinen Kindern realisieren will. War früher Kinderreichtum ein Segen, so ist er heute oft ein Armutsgrund und wird als unverantwortlich und unsozial betrachtet.
Ich habe dies deshalb hier mit aufgeführt, weil am Beispiel Kinderreichtum besonders deutlich wird, dass unsere Gesellschaft und unsere Einstellung dazu einem stetigen Wertewandel unterzogen ist. Dieser Wertewandel gilt auch für Partnerschaften und ihre Bedeutung.
Es gibt aber nicht nur Gründe, sondern auch Ursachen für das Eingehen einer Partnerschaft, die tief im Menschen verankert sind. Solche Ursachen können sein:
- Natürliches Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit - Beschützerinstinkt - ...
Welche Gründe sprechen dafür, dass auch Transgender eine Partnerschaft suchen und eingehen?
- alle Gründe, die auch für Cisgender gelten
- ...
Welche Ursachen führen dazu, dass Transgender eine Partnerschaft eingehen?
- die gleichen Ursachen wie bei Cisgendern
- oft auch die Hoffnung, dass sie so das zugewiesene Geschlecht akzeptieren
können
Lassen sich bei Transgendern auch die Bereiche kulturell, sozial, juristisch und biologisch abgrenzen oder beschreiben?
- grundsätzlich ist dies möglich, sie werden ja gleich erzogen und leben im gleichen Staat
- das Recht auf Partnerschaft wird erst hinterfragt und in Frage gestellt, wenn sie sich outen
Therapeuten und Diagnostikern wurde sehr schnell klar, dass sie in dem Augenblick, in dem sie es mit Transgendern zu tun haben, die in einer Partnerschaft leben, ihre eigenen Fantasien unterstellen, ohne diese als solche deutlich zu machen. Oft können und wollen sie sich nicht vorstellen, dass Transgender die gleichen Bedürfnisse haben wie sie selbst. Folglich suchen sie nur nach abweichenden Erklärungen.
Dadurch kommt es zu Aussagen wie die folgenden, welche die Arbeitsatmosphäre
zwischen Transgender und Therapeut/Diagnostiker erheblich belasten können:
Nur kulturell geprägte Vorurteile können solche und ähnlich Vorhaltungen erklären. Es gibt dafür weder menschenrechtliche Erklärungen noch wissenschaftliche Beweise. Die Vorstellung, dass erst der Umstand Mutter zu sein das wahre Glück für eine Frau ist, der Vaterstolz dem Mann die endgültige Bestätigung seiner Mannhaftigkeit gibt, ist eindeutig eine Fantasie der religiös geprägten kulturellen Entwicklung und Erziehung. Gegenüber anderen individuellen Erfahrungen und Gefühlen können diese Aussagen nur als Vorurteile eingestuft werden. (Vor solchen Aus- und Abgrenzungen sind auch Transgender selbst nicht gefeit. Es spiegeln sich auch in ihren Gruppierungen und Vertretungen vorhandene und aus der Situation entstandene Vorurteile wieder.)
Partnerschaften von Transgendern existieren nicht in einem neuen Kulturraum sondern "ganz normal" in unserer Gesellschaft. Sie passen aber scheinbar nicht in die Vorstellungen von normal. So kommt es natürlich auch in ihnen selbst zu Problemen von Abgrenzung bis hin zum Überziehen einer Normalität, eigentlich dem Versuch der Normalitätserwartung zu entsprechen. Dadurch sind solche Partnerschaften zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Sie können, wegen dieser Belastungen, stabiler sein als andere Partnerschaften - gemeinsame Probleme schmieden zusammen - aber ebenso können sie unter solchen Lasten schneller zerbrechen.
Zum Abschluss will ich einige Beobachtungen herausstellen, die sich
in den letzten 8 Jahren der Beratungstätigkeit gezeigt haben. Dabei
handelt es sich nicht in erster Linie um reale Veränderungen, sondern
um die Sichtbarwerdung von immer schon vorhandenen Tatsachen.
Schließen möchte ich diese Betrachtungen mit dem Refrain eines Gedichtes, das ich vor über 30 Jahren geschrieben habe.
Wie könnt das Leben einfach sein
Gäb's nicht das Wort NORMAL
Viel Kummer spart's und Not und Pein.
Köln, 26. September 2002
© H.K.Alter, Sept. 2002
www.dgti.org/
VkGSeminarErg_0902.html
© dgti Köln 2007
Inpressum