22 | 11 | 2017

Auch Babys haben Menschenwürde
Offener Brief an Politik, Wissenschaft und Kirche

Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Köln - AsF

Geschlechtsuneindeutigkeit oder Geschlechtsmehrdeutigkeit, und dabei geht es nicht nur um den Blick der Hebamme zwischen die Beine des Neugeborenen, sondern in der Folge der weiteren Entwicklung um den ganzen Menschen, bis zum Ende seiner körperlichen und seelischen Entwicklung, ist eindeutig ein weltanschauliches, also kulturelles, soziales und religiöses Problem.

Es ist nicht die Schöpfung, noch die Natur, die sich in ihrer unüberschaubaren Vielfalt den „Luxus von Irrtum“ leistet. Es ist der Mensch, der in allen Bereichen, und hier muss ich eben vor allem die Wissenschaft und die Kirchen ansprechen, der Kategorien und Grenzen, Ausgrenzungen und Abgrenzungen, geschaffen hat und somit den Eindruck erweckt, dass Schöpfung – oder eben Natur – Fehler macht, die vom Menschen korrigiert werden müssen. Jahrhunderte lang hat sich so die Wissenschaft, die medizinische, die pädagogische und die psychologische Wissenschaft (aber auch die Religionswissenschaften) selbst eingeengt und behandelt die Symptome statt sich der Ursachen anzunehmen. Nur so ist es zu erklären, warum von Ärzten der Geburtshilfe, ohne jedes Schuldbewusstsein, Menschen, die bei ihrer Geburt nicht der „Norm“ entsprechen, als krank und unnormal deklariert werden. Die Politik und die Rechtssprechung folgten dieser fatalen – und ich sage sogar überheblichen - Ansicht der Wissenschaft. Sie verlangt „Heilung“ von gesunden Menschen und nimmt billigend in Kauf, dass in über 75% der Fälle damit nur ein lebenslanges Leid, verbunden mit unnötigen Belastungen für das Gesundheits- und Sozialwesen – vom menschlichen Leid des einzelnen betroffenen Menschen einmal ganz abgesehen – als rechtlich gesichert, da „wissenschaftlich“ belegt, in Kauf genommen wird. Nicht anders ist z.B. die Antwort auf die Anfrage der PDS zum Umgang mit Intersexuellen zu verstehen. (Ein ausführlicher, sehr entlarvender Kommentar der dgti ist unter Intersexualität/Kommentar der dgti nachzulesen.)

In einem, bereits bis zum Bundesgerichtshof geführten Prozess (der nächste Schritt kann nur noch eine Verfassungsklage sein), wurde von einem Richter die Behauptung aufgestellt, dass es zur Anerkennung als Frau die wichtigste Voraussetzung sei, ein „Loch“ zwischen den Beinen zu haben in dem ein Mann sich befriedigen könne. Jede einzelne Frau wird damit auf das „Loch“ reduziert und auf das höchste diskriminiert. Jedes männlich geborene Baby, dessen Penis zu klein ist – ein sogenannter Mikropenis – wird „umgebaut“, da er seiner Pflicht als Mann, penetrieren zu können, möglicherweise nicht nachkommen kann. Leider muss ich aber feststellen, dass genau diese Reduzierung geltendes Recht ist. Entsprechend reagieren Ärzte bei uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen bei der Geburt eines Kindes.

Der Blick der Hebamme wird so zum gesellschaftlich normierenden Zwang. Ich sage eindeutig und ohne jede Schnörkel, dass wir uns damit an unseren Babys vergehen und schuldig machen. Der Geschlechtschromosomensatz XX bedeutet meist „weiblich“, aber es gibt auch „XX-Männer“. Das sind Menschen die sich trotz weiblichem Chromosomensatz männlich entwickeln. Der Chromosomensatz XY ist fast immer ein Indiz für die Entwicklung zum Mann, aber es gibt auch XY-Frauen. Bei diesen Menschen entwickelt sich das Erscheinungsbild trotz männlichem Chromosomensatz bis zum Ende der Pubertät eindeutig weiblich. Die Wissenschaft weiß es, tut aber beim Neugeborenen so, als könnte sie korrigierend wirken. Der Artikel 3 des Grundgesetzes sagt eindeutig, ohne jedes wenn und aber, dass kein Mensch wegen seines Geschlechtes bevorzugt oder benachteiligt werden darf. Wir, Politik, Wissenschaft und Kirchen verhalten uns aber so, als ob genau diese Zusage des Grundgesetzes für Intersexuelle keine Bedeutung hat. Wir sind mehrheitlich nicht bereit die Konsequenzen aus unserem Wissen zu ziehen und erklären der Einfachheit halber alles was nicht in ein einfaches, klares Schema passt als krank und heilbar. In Wirklichkeit nehmen wir billigend in Kauf, dass einzelne Menschen, unsere Babys, verstümmelt und vereindeutigt werden, im Sinne unserer beschränkten Vorstellungen von Leben. Gleichzeitig wird den Eltern suggeriert, dass es notwendig sei, den Kindern die wahre Ursache des Eingriffes zu verschweigen, damit sie sich „normal“ entwickeln können. Wir stellen uns blind und taub gegenüber der Tatsache, dass sie es eben gerade durch den Eingriff und das Verschweigen nicht können. Wir stellen uns gegen die von uns selbst so hoch gehaltenen Gebote des Grundgesetzes, der Basis unserer Rechtsnorm. Wir verdrehen den Sinngehalt zur Bestätigung unserer kulturellen und sozialen Normierung.

Artikel 1 GG sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Was aber machen wir daraus? Hat ein geschlechtsuneindeutig oder geschlechtsmehrdeutig geborenes Kind keine Würde? Muss es „umgebastelt“ und zugewiesen werden um eine Würde als Mensch zu erhalten?

Artikel 2 GG sagt: „Jeder Mensch hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, ...“ und weiter „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit,.“ Gilt dieses Recht nur für „anständig“ Geborene, die keine Uneindeutigkeit oder Mehrdeutigkeit haben? Muss sich die Schöpfung – Natur – einer deutschen Rechtsauslegung unterwerfen um seine „Produkte“, unsere nicht eindeutig geborenen Babys, in den Genuss deutscher Rechtssprechung kommen zu lassen. Wir Kölner Frauen sagen eindeutig NEIN! Wir verlangen Aufklärung statt des bisherigen Schweigens.

Artikel 3 GG sagt eindeutig (und dazu bedarf es keiner weiteren Interpretation), dass „niemand wegen seines Geschlechtes, „... benachteiligt oder bevorzugt werden darf“. Ist Geschlechtsuneindeutigkeit oder Geschlechtsmehrdeutigkeit kein Geschlecht? Wer erhebt sich darüber entscheiden zu dürfen oder zu müssen? Sind es Politiker, Wissenschaftler oder Vertreter kirchlicher Einrichtungen? Tatsache ist, dass unsere gesellschaftlichen und kulturellen Normen hier als Alibi dienen. Wir, Menschen, die einer mehrheitlich „gesicherten“ Norm entsprechen haben Angst, dass es mehr gibt als wir akzeptieren wollen. Billigend nehmen wir in Kauf, dass Babys, die wehrlosesten Opfer die wir uns aussuchen können, verstümmelt und vergewaltigt werden, damit unsere Welt der klaren Vorstellung von Mann und Frau heil bleibt – obwohl wir gar nicht wissen, was es denn sei, Mann oder Frau zu sein. Die Wissenschaft hat darauf auch noch keine Antwort gefunden. Aus kulturellen Zwängen heraus verschweigt sie aber genau diesen Umstand.

Seit über zwei Jahren liegt der Bundesregierung und dem Parlament der Entwurf eines Gendergesetzes vor. In diesem Entwurf werden Wege aufgezeigt wie eine, mit den Menschenrechten und dem Grundgesetz vereinbare Lösung geschaffen werden kann. Leider ist seither nur sehr wenig zur Verbesserung der Lage geschlechtsuneideutiger oder geschlechtsmehrdeutiger Neugeborenen geschehen. Nach wie vor geschieht es, dass sogar ohne Wissen der Eltern, Manipulationen an Babys, zum Zweck der „Eindeutigkeit“ vorgenommen werden.

V.i.S.d.P. Helma Katrin Alter
im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen in Köln – AsF (2003)