22 | 11 | 2017

Erfahrungen mit dem Ergänzungsausweis

Ein Bericht von Ulrike aus Essen

Ulrike Reichel, den 29.03.01

Mein Erfahrungsbericht über den Alltag mit dem "Ergänzungsausweis"

Gestatten Sie, dass ich zuvor hier ein Vorwort niederlege:

Leider wird von allen Transgendern der Ergänzungsausweis unterschätzt, soll heißen, jeder sollte in seinem eigenem Interesse sich diesen Ausweis zur Pflicht machen.

Warum ?

1. Sie/ Er steht zu seinem" wahren" Leben, und macht nicht den Fehler sich selber in eine Art Grauzone zu manövrieren. Denn je mehr Sie /Er in dieser lebt, desto weniger kann dieser ein öffentliches Leben führen, mit dem Ziel sein "persönliches" Ansehen gewinnbringend darzustellen. Denn das wollen wir doch alle, oder ?

2. Sie /Er wird dabei feststellen können, das Ihr/Ihm dann eine Menge an Türen sich öffnen werden. (Genaueres in meinem Erfahrungsbericht im Anschluss ). Wenn Sie / Er dazu noch lernt, auf den Menschen mit Diplomatie und ebenfalls Offenheit zuzugehen, dann kann in der Regel nur noch eins passieren: Sie/Er bekommt das was man sich wünscht, nämlich Verständnis und Anerkennung. Dieses unterstützt insbesondere auch der Ergänzungsausweis.

Doch nun zu meinem Erfahrungsbericht mit dem Ergänzungsausweis.

Den Ergänzungsausweis bekam ich am 14. Februar 2001. Zuvor habe ich die "Spielregeln" zum Erreichen des Ergänzungsausweises genau eingehalten. Diese "Regeln" zur Ausstellung des Ausweises findet man in den dgti-Internetseiten.

Meine Erfahrung machte ich sofort, am nächsten Tage, denn ich legte diesen sofort meinem Steuerberater vor, bei dem ich einen Termin hatte. Dieser sagte mir, für die Kanzlei sei dieser ausreichend, damit sie die notwendigen Umstellungen durchführen können. Anmerkung am Rand, ich bin selbständige Unternehmerin in der Telekommunikations - Branche.

Gestärkt dachte ich, wenn es beim Steuerberater geklappt hat, also gehst du als nächstes an deine Banken heran, und legst wiederum diesen Ausweis vor, damit auch dort die Änderungen vorgenommen werden können. Dabei konnte ich feststellen, das die Bank-Angestellten noch keinerlei Berührungspunkte mit diesem Ausweis hatten. Sie sagten mir allerdings, dass sie diesen für eine "hervorragende" Einrichtung hielten, da dieser auch einen hoch offiziellen Charakter hätte. Jedoch müssten sie diesen erst in ihrer Rechtsabteilung prüfen lassen, ob sie diesen Anerkennen dürfen. Also wurde dieser fotokopiert und in meine Akte gelegt.

Was aber nach der Vorlage schon passiert war, allein das war schon eine schöne Überraschung für mich.

Denn mit der Vorlage des Ausweises, wurde die Haltung mir gegenüber total verändert. Die Bank-Angestellten, wie auch zuvor mein Steuerberater, sprachen mich von nun an als "Frau Reichel" an. Ebenfalls meinten sie, dass man jetzt mir mehr Unterstützung als Frau entgegen bringen würde.

Nun kann man sich vorstellen, dass genau das eingetreten ist, welches ich schon im Vorwort niedergelegt habe. Es kam genau die "Anerkennung", die man sich als Transfrau nur irgendwie wünschen kann.

Doch das war längst noch nicht alles.

Bei meinem nächsten Besuch bei meinen Banken, bekam ich mitgeteilt, dass mein Ergänzungsausweis "anerkannt wird", so dass alle Bankpapiere, als auch die Bank-Kreditkarten geändert werden. Man sagte allerdings auch, dass sobald ich die amtlichen Ausweispapiere hätte, unverzüglich diese zur Unterstützung vorzulegen seien.

Dies ermunterte mich wiederum zu einer Großaufgabe, 28 Umschreibungen vorzunehmen zu lassen, im Rahmen meiner beruflichen Selbständigkeit.

Ebenfalls ging ich zu meiner Krankenkassen mit dem Ergänzungsausweis. Auch dort wurde er wiederum mit großer Begeisterung entgegengenommen, und darauf hin wurden meine Daten auf Frau Reichel umgestellt.

Bei der nächsten Begegnung wurde es noch spannender. Denn ich hatte Pech, und hatte einen Unfall verursacht. Und weil ich "komplett" als Frau lebe und meinen Ergänzungsausweis habe, konnte ich die Aufforderung meines Unfallgegners locker angehen, als dieser die Polizei unbedingt haben wollte.

Als die Beamten eintrafen, gab ich meinen Führerschein und Fahrzeugschein ab, sowie auch meinen "Ergänzungsausweis". Ich wollte noch meinen Personalausweis mit abgeben, aber die Beamten meinten das sei nicht notwendig! Gleich von der ersten Minute an haben die Beamten mich auch als Frau Reichel akzeptiert. Nach dem der Überprüfungsvorgang abgeschlossen war, sagte mir ein Beamter, ich sollte doch zum Straßenverkehrsamt gehen, sowie auch zum Stadtamt. Damit alles seine Ordnung hätte. Jedoch mit dem Hinweis, dass es für Sie kein Problem wäre in dieser Situation. Zwischenzeitlich machten diese Beamten auch die Bekanntschaft meiner Ehefrau, die ich als solche diesen vorstellte. Darauf, ebenfalls mit einer Selbstverständlichkeit, erwiderten sie: klar das geht auch.

Also machte ich mich Tage später auf den Weg zu den Ämtern.

Doch hier möchte ich noch etwas "sehr Wichtiges" einfügen. Denn es ist ebenfalls wichtig, dass man aufmerksam die Internetseiten der dgti liest, ja diese sich zu einer wichtigen Lektüre machen sollte, die Frau Helma Katrin Alter mit all ihrer Erfahrung und erkämpften Fortschritten immer aktuell ins Netz stellt. Denn ohne diese Gesellschaft wäre ein "halbwegs" erträgliches Leben als Transgender um ein mehrfaches schwerer.

Darum oder gerade dadurch bekam ich einen Hinweis, dass sich eine wichtige Änderung im Ämterbereich angezeigt hatte. Es geht dabei um die Neufassung der Richtlinien zur Ausstellung eines vorläufigen Reisepasses, vom 21. September 2000. Diese Änderung holte ich mir von den Seiten der dgti aus dem Netz heraus und ging damit zu den Ämtern.

Mit dem Erfolg, dass ich das erste "amtliche Dokument" erhielt das den Ergänzungsausweis praktisch abgerundet hat. Mein Reisepass mit meinen angestrebten neuen Vornamen 'Ulrike'. Das heißt im Klartext, dass ich von nun an ein amtliches Dokument inne habe, welches mich als Frau Ulrike Reichel ausweist. (Anmerkung der dgti: Die Mitarbeiter des Einwohnermeldeamtes haben sich die Mühe gemacht "die Bekanntmachung der Neufassung im Gemeinsamen Ministerialblatt vom 21. September 2000, Seite 587, ISSN 0939-4729" zu lesen, bzw. von ihren Vorgesetzten lesen zu lassen.)

Doch zum guten Schluss soll auch die Frage geklärt sein, was geschah im nächsten Amt, dem Straßenverkehrsamt.

Dort gab es ein Hürde, die sich aus einem Gesetz der Straßenverkehrsordnung ergab. Denn zur Umschreibung musste ich den Personalausweis, bzw. den Gerichtsbeschluss über den zukünftigen Vornamen haben. Aber mit Diplomatie und Verständnis meinerseits erreichte ich, dass von der Leitung des Straßenverkehrsamtes ich ein Eintrag in meiner Akte bekam. Dieser ging ans Kraftfahrtbundesamt, also dadurch auch für die Polizei deutlich machte, dass beim Aufrufen meiner Daten der Hinweis kam, das ich Frau Ulrike Reichel, die Fahrzeugführerin bin, zur Zeit nach einem bestimmten Paragraphen die Umschreibung in den Fahrzeugschein bzw. Führerschein noch nicht erfolgen kann.

Trotzdem sei ich als Frau Reichel anzusprechen und mit dem dazugehörigen Respekt zu behandeln. Für den Fall einer Missachtung habe ich die Rufnummer des Leiters des Straßenverkehrsamtes, der dann Schritte gegen diese Beamten und deren Missachtung vornehmen werde.

Soviel zu meinem Erfahrungsbericht mit dem Ergänzungsausweis.

Wie man sicherlich herauslesen kann, ist dieser wirklich wichtig, damit für uns Transgender das Leben erträglicher werden kann. Doch sollte dabei eines nicht vergessen werden. Wir selber, müssen auf die Menschen zugehen, damit diese begreifen und verstehen was wir wollen, nämlich Akzeptanz. Doch dazu ist es unbedingt "notwendig", dass wir zu uns selber und zu dem was wir wirklich wollen uneingeschränkt d.h. zu 100% stehen. Nur so entwickelt sich ein Selbstbewusstsein was jeder Transgender von Anfang an entwickeln muss, und auch ständig weiterentwickeln muss, in unserer Gesellschaft. Denn aus diesem Ergebnis erreicht jeder Transgender sein "wahres Leben" das erst das Leben an sich ausmacht und damit lebenswert wird.

Der Transgender muss selber heraus aus dem eigenen, innerlichen Sarkophag, denn dieser treibt langsam aber sicher, jeden sonst in den Wahnsinn, unter Umständen kann er sogar in den Tod treiben.

Noch ein Tipp von mir

Helfen Sie auch anderen Menschen von denen Sie erfahren das evtl. ein Verdacht auf ein "transsexuelles Syndrom" vorliegt. Sie machen diesen Menschen glücklich am Ende. Dazu ist Frau Helma Katrin Alter von der dgti genau die "richtige" Ansprechpartnerin in der ersten Hilfe, sowie auch im weiteren Verlauf. Auch für die Selbständigen kann die dgti hilfreich in allen Belangen zur Seite stehen.

Nun verbleibt mir nur noch die Hoffnung, dass mein Erfahrungsbericht mit dem Ergänzungsausweis die Leserin und den Leser stärkt. Sowie allen die bisher den Ergänzungsausweis noch nicht inne haben, diese ihn nach den Spielregeln bei der dgti beantragen werden.

Ihre

Ulrike Reichel